Staying alive
Verfasst von Rouven am 12. Aug, 10:35
Unvernunft schleicht sich bisweilen auch mein sonst so besonnenes Handeln. Wie ich noch am Dienstag im Privaten berichtete, plagten mich erneut meine Sehorgane, was in der Samstagnacht bei der Filmhausparty in einem Beinahe-2D-Blick kulminierte und mich nachhause in mein Bett trieb.

Doch damit sollte es noch nicht genug gewesen sein. Tags darauf erwachte ich mit einem der mir so verhassten Gerstenkörner auf dem unteren Augenlid, dergestalt, dass es mir sogar über die Pupille ragte und gewaltig störte. Blitzschnell siegte die Eitelkeit über die Vernunft und dem Ding ward der Garaus gemacht. Sch* auf „Sapere Aude!“ und den Warnhinweisen aus der Wikipedia, eine mögliche Meningitis nahm ich in Kauf, gutes Sehen und Aussehen besaß oberste Priorität. Ich dachte, es würde genügen, merkte ich mir die ersten Symptome (siehe hier), nur für den Fall.
Dumm nur, wenn diese sich dann tatsächlich einstellen.
Versteht mich nicht falsch, ich bin das absolute Gegenteil eines Hypochonders. Begeben sich Menschen vom Schlage eines Harald Schmidts beim leisen Anflug eines Schnupfens unter das Sauerstoffzelt, ginge ich nicht einmal zum Arzt, wenn mir das Bein abfaulte. Das wird schließlich schon wieder!
Während der Arbeit, zu späterer Stunde, stellen sich die Kopfschmerzen ein. Fieber messen ist mir zwar nicht möglich, doch als sich darauf der Nacken verspannt und von dort ein Schmerz den ganzen Rücken herunterläuft, wird mir ein wenig anders zumute. Ich habe Meningitis, plötzlich weiß ich das ziemlich genau.
Gegen 19:30 Uhr geht meine Konzentration vollständig flöten und ich bitte darum, zu einem Arzt gehen zu dürfen: Die Möglichkeit zu sterben ist dann doch etwas mehr Grund als ein faulendes Bein, und ich brauche dringend Gewissheit.
Wer möchte auch gerne des nachts, wenn sonst niemand zuhause ist (Mischa ist schließlich auch öfter mal woanders), unbemerkt einen epileptischen Anfall in seinem Bett erleiden? Ich jedenfalls nicht und so schlage ich, ob der fortgeschrittenen Uhrzeit, den Weg zur nahegelegenen St. Franziskus-Ambulanz ein.
Als bloße Begleitung hatte ich dort schon einmal schlechte Erfahrungen gesammelt, anderthalb Stunden saßen wir unbeachtet im Untersuchungszimmer herum, bevor wir der selbstverordneten Bettruhe den Vorzug gaben und es wieder verließen. Doch diese Situation ist eine andere, ich bin ja beinahe tot.
Kleinlaut bringe ich mein Leid an der Anmeldung vor, eventuell würde ich belächelt werden. Ich werde belächelt. In Untersuchungszimmer 2 soll ich warten, ich gehe in Untersuchungszimmer 2. Eine „Frau Doktor“ soll zu mir kommen, im Zimmer gegenüber untersucht ein „Herr Doktor“ eine junge Frau und tastet ihr am Unterleib herum. Offensichtlich muss man hier auf die jeweiligen Fachärzte und ihre wertvolle Zeit warten. Nebenan verarztet wieder ein „Herr Doktor“ eine ältere Frau und anscheinend ihre gesamte Großfamilie gleich mit, in fremden Zungen parlierend.
Eine halbe Stunde warte ich, ich warte auch noch eine weitere, bis die Ärztin sich blicken lässt und bei meiner Schilderung wie Dr. House schaut, wenn ihm einer seiner Patienten von den Dingen berichtet, die er im Internet gelesen hat: Sie verdreht die Augen bei der anmaßenden Eigendiagnose „Künftiger Tod“. Fieberhaft gemessen und angezapft, soll ich der Ergebnisse im Wartezimmer harren, wo sich inzwischen zirka zehn weitere, um Linderung hoffende Personen eingefunden haben.
Bei der Migranten-Großfamilie wurden tatsächlich fast alle Erwachsenen mit Injektionen versorgt, einige können ein Weinen nicht unterdücken. Ich verstehe nichts von ihrem Gejammer, lediglich bei einem Handyanruf spricht eine Tochter deutsch und sagt etwas von „Todesfall in der Familie“. Himmel nochmal.
Sollte nicht gleich eine lebensgefährlich Diagnose für mich gestellt werden, komme ich mir regelrecht schäbig vor, hier den Betrieb aufgehalten zu haben. Zum Zeitvertreib stelle ich mir vor, wie Mischa zur Identifizierung meines Leichnams gerufen werden muss.
„Jau, stimmt, so sah der aus. Mal abgesehen von dem Auge,“ wird er dann sagen, da bin ich mir sicher.
Eine Stunde später bin ich der vorletzte Wartende in dem Zimmer. Inzwischen ist der Hunger zu einem weit größeren Problem geworden als Nacken, Kopf oder Tod: Seit viereinhalb Stunden hatte ich nichts gegessen. Ich gehe zur Anmeldung, frage, ob ich nicht nachhause gehen und man mich anrufen kann, wenn ich zu sterben drohe, doch mir wird barsch erwidert, ich sei „jetzt eh dran und so lange könne ich ja nun auch noch warten.“ Ich wende mich also zurück in’s Wartezimmer, wenige Minuten später wird der andere, noch wartende Mann gerufen. Nun bin ich hier der Letzte.
Ich denke kurz an die sterbende Frau in dem New Yorker Wartezimmer, doch Frau Doktor hat ein Erbarmen, zitiert mich zu sich und erklärt mir, dass alles in Ordnung mit mir sei. Ein, zwei „Entzündungswerte“ lägen zwar über der Norm, sind aber noch lange von einer Bedrohung entfernt.
Nachdem ich also nun Gewissheit besitze, hier mehr als zwei Stunden verbrannt zu haben, wird mir meine Kassenpatienten-Versicherungskarte wieder ausgehändigt. Man verlangt darüber hinaus die Gebühr von 10 Euro, händigt mir aber, nachdem ich sage, dass ich die gerade nicht bei mir hätte, einen Überweisungsträger aus.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich nicht allzu krank sein kann, ein Verwirrungszustand sich noch nicht meiner bemächtigt hat: Offenbar kann ich doch noch ganz gut lügen.
Foto von bolshakov, cc-Lizenz

Doch damit sollte es noch nicht genug gewesen sein. Tags darauf erwachte ich mit einem der mir so verhassten Gerstenkörner auf dem unteren Augenlid, dergestalt, dass es mir sogar über die Pupille ragte und gewaltig störte. Blitzschnell siegte die Eitelkeit über die Vernunft und dem Ding ward der Garaus gemacht. Sch* auf „Sapere Aude!“ und den Warnhinweisen aus der Wikipedia, eine mögliche Meningitis nahm ich in Kauf, gutes Sehen und Aussehen besaß oberste Priorität. Ich dachte, es würde genügen, merkte ich mir die ersten Symptome (siehe hier), nur für den Fall.
Dumm nur, wenn diese sich dann tatsächlich einstellen.
Versteht mich nicht falsch, ich bin das absolute Gegenteil eines Hypochonders. Begeben sich Menschen vom Schlage eines Harald Schmidts beim leisen Anflug eines Schnupfens unter das Sauerstoffzelt, ginge ich nicht einmal zum Arzt, wenn mir das Bein abfaulte. Das wird schließlich schon wieder!
Während der Arbeit, zu späterer Stunde, stellen sich die Kopfschmerzen ein. Fieber messen ist mir zwar nicht möglich, doch als sich darauf der Nacken verspannt und von dort ein Schmerz den ganzen Rücken herunterläuft, wird mir ein wenig anders zumute. Ich habe Meningitis, plötzlich weiß ich das ziemlich genau.
Gegen 19:30 Uhr geht meine Konzentration vollständig flöten und ich bitte darum, zu einem Arzt gehen zu dürfen: Die Möglichkeit zu sterben ist dann doch etwas mehr Grund als ein faulendes Bein, und ich brauche dringend Gewissheit.
Wer möchte auch gerne des nachts, wenn sonst niemand zuhause ist (Mischa ist schließlich auch öfter mal woanders), unbemerkt einen epileptischen Anfall in seinem Bett erleiden? Ich jedenfalls nicht und so schlage ich, ob der fortgeschrittenen Uhrzeit, den Weg zur nahegelegenen St. Franziskus-Ambulanz ein.
Als bloße Begleitung hatte ich dort schon einmal schlechte Erfahrungen gesammelt, anderthalb Stunden saßen wir unbeachtet im Untersuchungszimmer herum, bevor wir der selbstverordneten Bettruhe den Vorzug gaben und es wieder verließen. Doch diese Situation ist eine andere, ich bin ja beinahe tot.
Kleinlaut bringe ich mein Leid an der Anmeldung vor, eventuell würde ich belächelt werden. Ich werde belächelt. In Untersuchungszimmer 2 soll ich warten, ich gehe in Untersuchungszimmer 2. Eine „Frau Doktor“ soll zu mir kommen, im Zimmer gegenüber untersucht ein „Herr Doktor“ eine junge Frau und tastet ihr am Unterleib herum. Offensichtlich muss man hier auf die jeweiligen Fachärzte und ihre wertvolle Zeit warten. Nebenan verarztet wieder ein „Herr Doktor“ eine ältere Frau und anscheinend ihre gesamte Großfamilie gleich mit, in fremden Zungen parlierend.
Eine halbe Stunde warte ich, ich warte auch noch eine weitere, bis die Ärztin sich blicken lässt und bei meiner Schilderung wie Dr. House schaut, wenn ihm einer seiner Patienten von den Dingen berichtet, die er im Internet gelesen hat: Sie verdreht die Augen bei der anmaßenden Eigendiagnose „Künftiger Tod“. Fieberhaft gemessen und angezapft, soll ich der Ergebnisse im Wartezimmer harren, wo sich inzwischen zirka zehn weitere, um Linderung hoffende Personen eingefunden haben.
Bei der Migranten-Großfamilie wurden tatsächlich fast alle Erwachsenen mit Injektionen versorgt, einige können ein Weinen nicht unterdücken. Ich verstehe nichts von ihrem Gejammer, lediglich bei einem Handyanruf spricht eine Tochter deutsch und sagt etwas von „Todesfall in der Familie“. Himmel nochmal.
Sollte nicht gleich eine lebensgefährlich Diagnose für mich gestellt werden, komme ich mir regelrecht schäbig vor, hier den Betrieb aufgehalten zu haben. Zum Zeitvertreib stelle ich mir vor, wie Mischa zur Identifizierung meines Leichnams gerufen werden muss.
„Jau, stimmt, so sah der aus. Mal abgesehen von dem Auge,“ wird er dann sagen, da bin ich mir sicher.
Eine Stunde später bin ich der vorletzte Wartende in dem Zimmer. Inzwischen ist der Hunger zu einem weit größeren Problem geworden als Nacken, Kopf oder Tod: Seit viereinhalb Stunden hatte ich nichts gegessen. Ich gehe zur Anmeldung, frage, ob ich nicht nachhause gehen und man mich anrufen kann, wenn ich zu sterben drohe, doch mir wird barsch erwidert, ich sei „jetzt eh dran und so lange könne ich ja nun auch noch warten.“ Ich wende mich also zurück in’s Wartezimmer, wenige Minuten später wird der andere, noch wartende Mann gerufen. Nun bin ich hier der Letzte.
Ich denke kurz an die sterbende Frau in dem New Yorker Wartezimmer, doch Frau Doktor hat ein Erbarmen, zitiert mich zu sich und erklärt mir, dass alles in Ordnung mit mir sei. Ein, zwei „Entzündungswerte“ lägen zwar über der Norm, sind aber noch lange von einer Bedrohung entfernt.
Nachdem ich also nun Gewissheit besitze, hier mehr als zwei Stunden verbrannt zu haben, wird mir meine Kassenpatienten-Versicherungskarte wieder ausgehändigt. Man verlangt darüber hinaus die Gebühr von 10 Euro, händigt mir aber, nachdem ich sage, dass ich die gerade nicht bei mir hätte, einen Überweisungsträger aus.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich nicht allzu krank sein kann, ein Verwirrungszustand sich noch nicht meiner bemächtigt hat: Offenbar kann ich doch noch ganz gut lügen.
Foto von bolshakov, cc-Lizenz
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