Zwei Seelen and The Day Before


Der deutschtürkische Kollege A. C. erzählte mir gestern, er besäße zwei Trikots bei sich zuhause und er würde für jedes Tor jubeln, völlig gleichgültig, auf welcher Seite es fiele. So gänzlich gelassen kann das kommende Match wahrscheinlich wirklich nur jemand sehen, in dessen Brust zwei Seelen wohnen.

Denn selbstverständlich fiebert man als Deutscher für Deutschland, es würde mich nur zu sehr wundern, wenn sich während des Spiels, bei einem ersten 0:1 für die Türkei, ausnahmslos allesamt auf der Alm in die Arme fielen. In diesem Fall sähen aller Wahrscheinlichkeit einige Gesichter recht bedröppelt aus, wieder andere freuten sich den anatolischen A* ab.
Doch selbst, wenn dieser unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, der schwarz-rot-gold- Gewappnete ausfällig würde, wird der Anatole die Ruhe selbst bleiben und explizit darauf aufmerksam machen, dass man eventuell ein Problem besäße und sich nach Lösungsstrategien erkundigen. Das ist doch nur nett und diplomatisch gedacht, nicht wahr?

Wir sind hier aber nicht bei „Nachgetreten!“, wo „alle nationalen Ressentiments ausgepackt [werden], die der BILD-geschädigte Normalbürger auch schon vor zwei Jahren lustig fand.“ [s. Lars]. Wir lassen die Döner am Grill.

Es wird ein Fußballfest des Friedens, der Freude und vor allem des Eierkuchens werden, denn: Mal völlig ab von dem Herkunfts- und Identitätsgeschwafel, der Betonung von Differenzen wegen der Religion und anderem, handelt es sich hier nicht um ein Beispiel für den „Clash of Cultures“, sondern eines für eine bereits seit Jahrzehnten zusammengewachsene, kosmopolitische Kultur. Nochmal mit Betonung: EINE Kultur!

Kollege A., Produkt zweier Welten und Sprachen, ist einer der besten Beweise dafür, dass - (obwohl es bei ihm eine leicht zu vernachlässigende Zwiespaltung auslöste („Ich bin für jeden!“)) es miteinander besser funktioniert als getrennt. Und um eine wirtschaftliche Komponente mit in’s Spiel zu bringen, die Linguistik-Profs sagen ebenfalls stets einleuchtend, dass, je mehr Variationen man beherrscht, um so erfolgreicher gestaltet sich das Vorankommen. Kreuzberg ist nicht mehr nur Kreuzberg, sondern vermischt und omnipräsent.

Es gibt immer ein paar Experten, die bei derlei Ankündigungen um den Wertverlust der eigenen Sprache bangen. Wem es aber bei diesen Aussagen um der deutschen Eigenart/ Leitkultur whatever zu fürchten beginnt, dem seien die Sätze des türkischen Poetry Slammers Necip Tokoglu nahegelegt: „Ihr Deutschen braucht keine Angst um Eure Sprache zu haben. Wir Türken werden uns schon darum kümmern.“

Man könnte das nervenaufreibende Prozedere vor dem Spiel gleich mit einem Schlag vereinfachen. Warum denn zwei Nationalhymnen singen (und sich fragen, weshalb das Konzept „Nationalhymne“ alleine schon archaisch anmutet)? Machen wir doch aus beiden eine:



Klingt doch gut, oder?

Wir wünschen allen ein spannendes Spiel!

Interessante und lustige Gegebenheiten innerhalb unseres deutsch-türkischen Kultur-Gemischs können in den Kommentaren gerne, nur zu gerne, abgegeben werden. Und zwar ab (3,2,1...) JETZT:

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