Opernarien auf dem Rasen
Verfasst von Rouven am 10. Jun, 06:30
Das Spiel Frankreich – Rumänien konnte ich mir leider zeitbedingt nicht ansehen, habe mir aber von mehreren Leuten sagen lassen, dass die erwartete Spannung nicht eingetreten war.
Insbesondere der heuschnupfengeplagte Mitbewohner ließ aus seinem Zimmer verlauten, er sei dabei beinahe eingeschlafen.
Ich empfand das Ergebnis aber auch nur im Hinblick auf meinen Tipp als schlimm: Erstmals hatte ich nicht einmal die Tendenz korrekt erwogen und somit keinen Punkt erlangt.
Niederlande gegen Italien sollte da ungleich interessanter erscheinen, trafen doch hier zwei Mannschaften aufeinander, die – zumindest aus deutscher Fußballsicht – hohes Rivalenpotential besitzen. Den Italienern nahm man seit der letzten WM so ziemlich alles übel, die Holländer sind sogar einem Laien wie mir spätestens seit Rijkaards Spuckattacke gegen Völler 1990 als Erzrivalen fest im Gedächtnis verankert.
Man wusste so ziemlich nicht, wem man die Niederlage mehr gönnen musste, ich stellte aber in meinem Bekanntenkreis fest, dass aufgrund der jüngeren, internationalen Geschehnisse ein Sieg Hollands eher begrüßt wurde.
Wie auch immer, freute man sich offenbar auf (Vorsicht, jetzt folgt eine abgegriffene Metapher!) „ein wahres Feuerwerk“ an fußballerischem Talent auf beiden Seiten. Es fällt aber noch ein anderes Bild, das den Kunstaspekt der erwarteten Spieltechniken hervorhebt, in der Berichterstattung auf. So schreibt die Süddeutsche:
Fußball als große Oper, so sollte dieses Match der beiden Freunde und Golf-Kameraden Roberto Donadoni und Marco van Basten inszeniert werden.
Und nachdem man das Ergebnis bereits kennt, fügt man dort gleich hinzu:
Es wurde dann eine Mischung aus Tosca und La Boheme, tödlicher Absturz und ergreifende Schwindsucht, das ganze Programm.
(siehe hier)
Tödlicher Absturz und ergreifende Schwindsucht, das trifft allerdings höchstens auf die Italiener zu, denen der Ruf der großen Schauspielerei bei ihnen nicht schmeckenden Entscheidungen nacheilt. So war das auch bei diesem Spiel, bei dem es für sie mehrere gelbe Karten wegen „Meckerei“ setzte.
Bei Opern müssen die Akteure jedoch zweierlei Kunst unter Beweis stellen, nämlich nicht nur die Schauspielerei, sondern auch die Gesangskunst, also das, weswegen man hauptsächlich auf der Bühne steht. Die drei Tenöre des Abends fand man aber bei der anderen Mannschaft, van Nistelrooy und Sneijder im ersten, und van Bronckhorst im zweiten Akt.
Der italienische Coach Donadoni musste feststellen, dass ein Match wie dieses über kein festgeschriebenes Opernlibretto verfügt, zumal es noch einen zweiten Komponisten gab, insofern hinkt der Vergleich erheblich und, mal im Ernst: Wer hatte mit einem solchen Spiel gerechnet?
Zwischenzeitig hatte ich nach einem Wortspiel mit dem Namen des eingesetzten Di Natale nachgedacht, überlegte mit meinen Latein-Rudimenten, ob er womöglich übersetzt „von Geburt“ bedeuten könne (obwohl man ihm zum Beispiel kein Pech hätte andichten können, schließlich ist er bestimmt nicht umsonst in der Nationalmannschaft). Malte (Spreeblick u.a.) berichtigte mich aber auf meine Frage hin per Twitter, dass es „von Weihnachten“ heiße. Daran zweifele ich zwar nach wie vor, aber ein wahres Christfest schien dieser Tag ebenfalls nicht für Italien gewesen zu sein.
Doch eben Malte griff die Opern-Metapher wieder in seiner derzeitigen EM-Kolumne für facts wieder auf, nahm in seiner heutigen Ausgabe, die eines wahren Bildungsbürgers würdig ist, stattdessen ein paar andere Komponisten als immer nur Puccini zu Hilfe:
Verdi gegen die fliegenden Holländer, da möchte man direkt noch eine Karte lösen und das Ganze von vorne sehen.
(siehe da)
Womit er die richtigen Bezüge findet und ich mit dem Opern-Vergleich meinen Frieden: Der Holländer ist schlussendlich erlöst, er hat wieder Liebe gefunden. Sogar von uns. Danke für das Spiel.
P.S.: Das ZDF-EM-Studio wird von der Seebühne in Bregenz ausgestrahlt. Die Kulisse (dieses merkwürdige, übergroße Auge) wurde einfach von der demnächst dort startenden Inszenierung übernommen: Es gibt übrigens Tosca von Puccini.
Insbesondere der heuschnupfengeplagte Mitbewohner ließ aus seinem Zimmer verlauten, er sei dabei beinahe eingeschlafen.
Ich empfand das Ergebnis aber auch nur im Hinblick auf meinen Tipp als schlimm: Erstmals hatte ich nicht einmal die Tendenz korrekt erwogen und somit keinen Punkt erlangt.
Niederlande gegen Italien sollte da ungleich interessanter erscheinen, trafen doch hier zwei Mannschaften aufeinander, die – zumindest aus deutscher Fußballsicht – hohes Rivalenpotential besitzen. Den Italienern nahm man seit der letzten WM so ziemlich alles übel, die Holländer sind sogar einem Laien wie mir spätestens seit Rijkaards Spuckattacke gegen Völler 1990 als Erzrivalen fest im Gedächtnis verankert.
Man wusste so ziemlich nicht, wem man die Niederlage mehr gönnen musste, ich stellte aber in meinem Bekanntenkreis fest, dass aufgrund der jüngeren, internationalen Geschehnisse ein Sieg Hollands eher begrüßt wurde.
Wie auch immer, freute man sich offenbar auf (Vorsicht, jetzt folgt eine abgegriffene Metapher!) „ein wahres Feuerwerk“ an fußballerischem Talent auf beiden Seiten. Es fällt aber noch ein anderes Bild, das den Kunstaspekt der erwarteten Spieltechniken hervorhebt, in der Berichterstattung auf. So schreibt die Süddeutsche:
Fußball als große Oper, so sollte dieses Match der beiden Freunde und Golf-Kameraden Roberto Donadoni und Marco van Basten inszeniert werden.
Und nachdem man das Ergebnis bereits kennt, fügt man dort gleich hinzu:
Es wurde dann eine Mischung aus Tosca und La Boheme, tödlicher Absturz und ergreifende Schwindsucht, das ganze Programm.
(siehe hier)
Tödlicher Absturz und ergreifende Schwindsucht, das trifft allerdings höchstens auf die Italiener zu, denen der Ruf der großen Schauspielerei bei ihnen nicht schmeckenden Entscheidungen nacheilt. So war das auch bei diesem Spiel, bei dem es für sie mehrere gelbe Karten wegen „Meckerei“ setzte.
Bei Opern müssen die Akteure jedoch zweierlei Kunst unter Beweis stellen, nämlich nicht nur die Schauspielerei, sondern auch die Gesangskunst, also das, weswegen man hauptsächlich auf der Bühne steht. Die drei Tenöre des Abends fand man aber bei der anderen Mannschaft, van Nistelrooy und Sneijder im ersten, und van Bronckhorst im zweiten Akt.
Der italienische Coach Donadoni musste feststellen, dass ein Match wie dieses über kein festgeschriebenes Opernlibretto verfügt, zumal es noch einen zweiten Komponisten gab, insofern hinkt der Vergleich erheblich und, mal im Ernst: Wer hatte mit einem solchen Spiel gerechnet?
Zwischenzeitig hatte ich nach einem Wortspiel mit dem Namen des eingesetzten Di Natale nachgedacht, überlegte mit meinen Latein-Rudimenten, ob er womöglich übersetzt „von Geburt“ bedeuten könne (obwohl man ihm zum Beispiel kein Pech hätte andichten können, schließlich ist er bestimmt nicht umsonst in der Nationalmannschaft). Malte (Spreeblick u.a.) berichtigte mich aber auf meine Frage hin per Twitter, dass es „von Weihnachten“ heiße. Daran zweifele ich zwar nach wie vor, aber ein wahres Christfest schien dieser Tag ebenfalls nicht für Italien gewesen zu sein.
Doch eben Malte griff die Opern-Metapher wieder in seiner derzeitigen EM-Kolumne für facts wieder auf, nahm in seiner heutigen Ausgabe, die eines wahren Bildungsbürgers würdig ist, stattdessen ein paar andere Komponisten als immer nur Puccini zu Hilfe:
Verdi gegen die fliegenden Holländer, da möchte man direkt noch eine Karte lösen und das Ganze von vorne sehen.
(siehe da)
Womit er die richtigen Bezüge findet und ich mit dem Opern-Vergleich meinen Frieden: Der Holländer ist schlussendlich erlöst, er hat wieder Liebe gefunden. Sogar von uns. Danke für das Spiel.
P.S.: Das ZDF-EM-Studio wird von der Seebühne in Bregenz ausgestrahlt. Die Kulisse (dieses merkwürdige, übergroße Auge) wurde einfach von der demnächst dort startenden Inszenierung übernommen: Es gibt übrigens Tosca von Puccini.
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