Hans Meyer, Jan Koller und Flocke. Impressionen aus Franken.


Er müsse weg, zur Arbeit, sagte er. Was er denn mache, wollte ich wissen, und wo man denn in Herrgottsnamen um 23 Uhr anfange zu arbeiten. Er sei Flugzeugputzer, antwortete er. Am Nürnberger Flughafen. Es gäbe wenige Flughäfen mit einer Waschstraße für Flugzeuge. In Nürnberg geschehe der Putzprozess noch von Hand. 8 Männer à 5 Stunden, dann sei so ne 737 sauber. Sachen gibt's.

Am nächsten Tag genieße ich dann die Mittagssonne und die Aussicht von der Nürnberger Burg und kann bis zum Kongresszentrum sehen, das so riesig und hässlich ist und im Stadtbild derart deplatziert wirkt, dass es nur von den Nationalsozialisten erbaut worden sein kann. Ist es auch. Dann gehe ich in den Burgshop, um Postkarten zu kaufen. Vor mir steht Hans Meyer, seines Zeichens Ex-Trainer des FCN. Einmal alles, sagt er. Führung, Museum, Turm. Falls er Zeit habe, wäre es toll, wenn der Herr Meyer zuerst ins Museum gehe, bettelt der geifernde Museumsshop-Mensch. Er würde ihn so gern selbst führen, es sei ihm eine Ehre. Seinetwegen, sagt der achselzuckende Hans Meyer, er solle aber bei der Führungsgeschwindigkeit bedenken, dass er schon über 65 und kein junger Mann mehr sei. Dann bin ich dran und bezahle die Postkarten. Als ich mir ein Autogramm holen möchte, um Markus eine von Hans Meyer signierte Karte zu schicken, ist dieser im Museum verschwunden. Die 4 Euro Eintritt will ich dann auch nicht mehr investieren.

Danach verbringe ich einen wunderbaren Nachmittag im Nürnberger Zoo mit dem verehrten Poetenkollegen Christian Ritter, seines Zeichens Zeitplatzierter beim Highlander des Vorabends in Fürth. Auf dem Weg zu Flocke treffen wir Jan Koller. Beziehungsweise erkenne ich ihn, Christian hat keine Ahnung von Fußball. Der Koller ist aber auch geschickt. Damit er nicht erkannt wird, hat er seine Glatze mit einem Blag bedeckt. Allerdings habe ich das dumpfe Gefühl, seine Frau fände es toll, wenn ich ihn anquatsche, sie schaut mich lang und intensiv an, aber ich tue ihr nicht den Gefallen, dafür aber so, als wüsste ich nicht, wer dieser Glatzenmann ist. Hinterher fällt mir auf, dass ich vergessen habe, den Koller umzutreten. Im Abstiegskampf wird es nämlich Zeit, Zähne zu zeigen.

Apropos Vorabend: Einem gar vortrefflichen Slam steht der Jakob Michl in Fürth vor. Eine pickepackevolle Kofferfabrik erwartet die Highlander-Kandidaten. Ich bin als "featured Poet" eingeladen, habe außerhalb des Wettbewerbs knapp 25 Minuten Zeit für meine Solo-Show und soll die Zuschauer warm machen für den Wettbewerb. Wenn man diesem Bericht Glauben schenken darf, ist es mir ganz gut gelungen. Das Feedback der Zuschauer und Co-Slammer war auf jeden Fall überwältigend und Spaß hatte ich dazu eine Menge. Und dazu noch einen Haufen furchtbar netter Menschen kennen gelernt. Wie den Flugzeugputzer, beispielsweise.

Im Zoo gehen wir dann zur großen Flocke-Show. Im Vorprogramm turnt die böse Mutter im Nachbargehege herum und versucht, die Aufmerksamkeit durch Arschbomben, Drohgebärden und allerlei Eisbären-Taschenspielertricks auf sich zu lenken. Flocke selbst ist die erwartete Diva und erscheint 15 Minuten zu spät auf der Bühne. Dann tollt sie ein bisschen herum, ist unfassbar süß und dreckig und zerfetzt einen Karton. Die kleinen verwöhnten Gören hinter uns wünschen sich dann natürlich ein echtes Eisbär-Baby zu Weihnachten und versprechen ihr Zimmer zu fluten, damit es dem Eisbär-Baby gut gehe. Und wenn es nicht brav ist, würden sie es eben auspeitschen. Klar. Letztendlich waren die Affen und der richtige Eisbär viel spannender als der kleine Flocke-Kinderstar. Ich leg mich fest: In spätestens einem Jahr zieht sie die gleiche Scheiße ab wie Amy Winehouse.

Abends bin ich dann wieder "featured Poet", diesmal beim Ansbacher Highlander. Ansbach, das ist dem Kaspar Hauser seine Stadt, ihr wisst Bescheid. In den dortigen Kammerspielen mache ich wieder die Vorband, auch hier wieder recht erfolgreich, wie hier nachzulesen ist, ich freue mich. Und genau wie in Fürth gewinnt der großartige Peter Parkster den Wettbewerb. Ebenfalls beeindruckend: Surat Rumpf, Mimi Meister, Schlumpf und erneut Christian Ritter, der tatsächlich schneller lesen kann als ich. Respekt! Martin Geier hatte wohl einen sehr, sehr schönen Text über den Nationalsozialismus, den ich dummerweise aufgrund des schlechten Tons auf der Bühne nicht verstanden habe. Leider nicht unter den ersten Drei: Die wunderbare Miss Wortwahl aka Susanne Rudloff, die neben einer unfassbaren Stimme auch noch tolle Texte hat. Meine Slam-Entdeckung diesen Jahres und auch wenn ich von Vergleichen zwischen Poeten nix halte, so sollte man sie sich zwecks Einordnung als eine sehr eigenständige Mischung aus Xòchil und Sookee vorstellen, dazu eine Prise Nadja Schlüter. Wenn sie am Ball bleibt und ihren eigenen Stil perfektioniert, können sich eben erwähnte Poetinnen zzgl. Pauline Füg in Zukunft durchaus warm anziehen. Die heißeste Stimme hat Frau Rudloff bereits jetzt. Ich habe sie dann auch mal direkt für ein lyrisches Slam-Duett zwangsverpflichtet, eventuell to be seen im Rahmen von eventuellen Rahmen-Slams in Zürich.

Nach dem Slam in Fürth versuchte mich die versammelte Baggage denn erfolglos aufzuklären, wie Zeitangaben in Franken funktionieren. Aber egal, wie sie zeterten und erklärten, die Angaben "Dreiviertel Neun" und "Viertel Neun" wurden nicht logischer. Weil sie eben nicht das heißen, was der gemeine Ostwestfale erwarten würde. Christian Ritter sagte dann: "Stell's dir als Kuchen vor!" Ich machte das und aß ihn, den Kuchen, in Gedanken auf. Half nicht. Danach fragten mich noch die SMAAT-Groupies nach einem Autogramm. Ich sagte, klar, aber nur wenn ich neben Sebastian 23 unterschreiben könnte. Ja, ausgerechnet DEN hätten sie noch nicht im Portfolio. Also trafen wir uns in der Mitte, ich unterschrieb als Sebastian 23 und Mischa, und alle waren glücklich.

Festzuhalten bleibt: Es war toll in Franken. Michl Jakob und seine charmante Freundin Martina sind unschlagbare Gastgeber. Featured Poet sein macht fast noch mehr Spaß als im Wettbewerb zu stehen. Von Hellem kriegt man keinen Kater. Von Jägermeister schon. Und nach drei Tagen Tour freue ich mich derbst darauf, meine Freundin heute Abend wiederzusehen.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild