There would be blood


(Foto: RedGlow82; Lizenz)


Ich bin in der Regel hart im Nehmen, wenn es um die Körperlichkeit des Menschen geht. Während des Zivildienstes in der Altenpflege habe ich jede bekannte Körperöffnung fremder Leute fortgeschrittenen Alters gepflegt, und nicht selten waren darunter sogar ganz neue Schnittstellen zwischen Innen und Außen zu versorgen. Unerforschte Welten, die oft ein starkes Nervenkostüm erforderten.

Dabei wurde man beizeiten Substanzen gewahr, zu deren alleiniger, optischer Beschreibung ein Goethescher Farbkreis nicht in der Lage zu sein schien, selbst mein Begriff von Poesie stieß dabei an seine Grenzen. Und dennoch habe ich das seinerzeit mitgemacht, war das Pflegepersonal immerhin zahlenmäßig im Verhältnis zu den zu Pflegenden stark unterrepräsentiert, und mein Gewissen hätte mich zwischen den Spät- und Frühschicht-Wechseldiensten nicht gut schlafen lassen, hätte ich um die Unversorgtheit eines Heimbewohners gewusst.

Die Zivi-Zeit damals hat mich demnach geprägt. Ich gehe seitdem relativ unverblümt mit körperlich Leidenden um, was eventuell seine Vorteile hat: Ich scheue mich keineswegs vor Erster Hilfestellung, nicht im Geringsten, gleichgültig, wie schlimm der Wagen am Wegesrand auch um den Baum gewickelt sein mag. Da wird die Bude aufgemacht und die Insassen schnellstmöglichst - je nach Bedarf – versorgt. Da kenn’ ich nix!

Das Dumme an der Sache ist nur, dass man sich noch so altruistisch und edel, ritterlich geben kann, wie man will: Letzten Endes hat man doch irgendwo eine Achillesferse, die einem die meiste Zeit nicht bewusst wird.

Ich musste jüngst wieder selbst zum Arzt. Innerhalb einen Monats zwei Mal krank zu sein, das ist für mich eine außergewöhnlich hohe Frequenz, und offensichtlich schlug die gleiche Krankheit wieder durch. Meine Hausärztin, die mir beim ersten Mal lediglich Bettruhe und Salbeitinkturen verordnet hatte, befand sich im Urlaub, so dass ich zu einer Vertretung musste, die ich nicht kannte.

Und dort erzählte mir der mich untersuchende Mediziner Horrormärchen. Er hätte hier sogar Patienten, die mit diesen grippalen Infekten bereits seit September letzten Jahres in seiner Praxis ein- und ausgingen. Darauf war ich nicht scharf. Er lächelte über die Salbeitinkturen, verschrieb mir nicht nur echte Medikamente, sondern ließ noch vorsichtshalber Fieber messen. „Würden sie bitte noch eine Blutprobe nehmen?“ wies er seine Helferin an, und ab da ging mir der A* auf Grundeis.

Ungefähr sechs Jahre sind nämlich in’s Land gegangen, seit ich den Mut verlor. Damals ging ich heldenmutig zur Blutspende, mit meinem eigenen Körper produzierten Lebensstoff an Bedürftige geben. Die erste, kleine Probe verriet, ich sei gesund, und bald fand ich mich dort auf einer Liege wieder. Doch beim Anblick der Kanüle, die mir für die eigentlich Spende in den Arm gerammt werden sollte wurde mir bereits blümerant zumute: Ein Monstrum von (gefühlt) einem halben Zentimeter Durchmesser wollte rasiermesserscharf in meine Vene dringen und lechzte nach meinem Lebenselixier. Tausend Tode habe ich durchgestanden, während die Helferin mir das Monstrum in den Arm einführte.
Quälender als diesen Vorgang empfand ich dann aber die Spendeprozedur selbst, und, wer eifriger Blutspender ist, weiß, wovon ich spreche. Der Beutel mit dem edlen Nass wird unterhalb des Arms permanent in Bewegung gehalten. Eine Apparatur sorgt dafür, dass dem Spender stets glucksende Geräusche bewusst wird, wie viel er bereits verloren hat. Das Schlimmste: Man muss sich selbst den Arm auspumpen, indem man ein Schaumstoffknäuel auf- und zudrücken musste.
Mir wurde schlecht. Ich wartete auf den Moment, in dem ich begann, zu zerknittern und in mich selbst einzufallen.
Ich musste den beaufsichtigenden Arzt rufen. Nach einigen Handgriffen bestätigte er mir: „Ja, das ist wohl die Hypophyse. Sie sollten das nicht noch mal so schnell angehen.“
O.K., aber ich hab’s versucht.

Ich befürchte seitdem bei jeder Blutabnahme eine traumatische Wiederkehr dieses Erlebnisses. Beim jetzigen Arzt benutzte die Helferin auch ein Gerät, dessen Volumen mich verwunderte. Wie groß muss eine Probe denn sein, um Viren nachweisen zu können?
Aber ich teilte ihr mit, dass ich beim Einstich und der Entnahme lieber nicht hinsehen möchte. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dann ging’s auch.

Nennt mich eine Sissie, aber wenn mir mal was zustoßen sollte und ich ernsthaft operiert werden muss, dann bitte nur unter Vollnarkose.

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