Coming of age


Kleiner Junge mit großen Augen

Wir werden älter, daran führt kein Weg vorbei. Aber wann zum Henker weiß man, dass man erwachsen ist?

Kennt ihr das auch? Als Kind hatte ich die etwas verquere Vorstellung, dass sich mit 18 ein unsichtbarer Schalter umlegen würde und schnipp – man wäre erwachsen, mit allem was dazugehört, sprich: mind, body and soul. Dazu gehörte in meinem Fall zum Beispiel, dass ich der festen Überzeugung war, mit 18 endlich Zwiebeln zu mögen. Was natürlich quatsch ist, ich mag nach wie vor keine Zwiebeln (übrigens eine der wenigen persönlichen Anekdoten, die ich in meinem sonst fiktiven Roman verewigt habe). Wie überhaupt der Begriff "Erwachsen werden" quatsch ist.

Worauf ich hinaus will: Erwachsen werden ist scheinbar bloß ein Begriff, eine gesellschaftliche Norm, die besagt, dass Menschen Pi mal Daumen mit 18 mündig sind, gewisse Dinge zu tun, die sie vorher nicht durften. Aber so wie ich das sehe, wird man nicht von heute auf morgen erwachsen, es ist kein Gesamt-Paket, kein ServicePack der Natur. Das Leben ist ja kein Jump-and-Run-Game, bei dem man ein neues Level erreicht, wenn man Parcours X in Zeit Y abgearbeitet hat. Es ist vielmehr so, dass man in verschiedenen Bereichen des Lebens eine gewisse Reife durch Erfahrung und Erlebnisse entwickelt oder erlangt. Das Leben ist also mehr ein RPG, bei dem man durch Kämpfe und Quests (=Erfahrungen und Erlebnisse) Reifepunkte erwirbt. Im Großen und Ganzen bleibt man immer der Mensch, der man mit sechs oder sieben Jahren bereits war. Was sich bloß ändert, sind die kleinen Dinge. Ich weiß, das klingt jetzt vermutlich hanebüchen, aber ich versuche es anhand von einigen Beispielen zu erklären.

Zurück zum umgelegten Schalter. Weder mit 18, noch mit 20 oder 26 änderte sich entgegen meiner kindlichen Erwartung etwas grundlegendes in mir, es gab keinen Knall und schnipp, ich war erwachsen. Im Gegenteil, bis vor kurzem fragte ich mich ernsthaft, ob ich irgendwann „dieses Gefühl“ haben würde, erwachsen zu sein. Nicht, dass ich es wollte, aber irgendwie spürte ich diesen gesellschaftlichen Druck: "Du bist 26, werd ma langsam erwachsen!", wie so ein Teufelchen auf der Schulter.

Richtig, Teufelchen. Ich fühle mich im Großen und Ganzen einfach immer noch wie der Mischa, der mit 8 oder 9 Jahren auf dem heimischen Teppich mithilfe von Legosteinen Fantasiewelten errichtete und Mittwochs in der Stadtbibliothek in Spirou und Fantasio-Comics versank. Meine Freundin bestätigt das, sie sagt, dass sie an mir schätzt, dass ich so begeisterungsfähig bin, dass ich in vielen Situationen immer noch der kleine Junge bin, der mit großen Augen fasziniert und neugierig die Welt betrachtet. Das ist etwas, dass ich mir – genauso wie das Lampenfieber auf der Bühne – lange behalten möchte. Ich nenne es eine gewisse kindliche Grundnaivität. Gleichzeitig fragte ich mich, wie gesagt, oft, ob ich irgendwann erwachsen würde.

Und dann hatte ich es erstmals vor Kurzem, "dieses Gefühl". Die Situation: Freunde von mir, jünger als ich, wollten weggehen. Unbedingt. Obwohl sie total kaputt waren und eigentlich lieber daheim geblieben wären. Aber man sah ihnen förmlich an, dass sie Angst hatten: Wenn ich jetzt zu Hause bleiben, werde ich etwas verpassen, keine Ahnung was, aber ich werde es verpassen. Sie sind natürlich weg. Und plötzlich, in dem Augenblick, wusste ich, dass ich in einem gewissen Bereich meines Lebens erwachsen geworden war. Denn vor ein paar Jahren war ich genauso. Wenn ich nicht jeden Samstag weggegangen bin, hatte ich dieses Unruhe in mir, das Gefühl etwas zu verpassen. Jetzt weiß ich, dass es nicht schlimm ist, zu Hause zu bleiben, im Gegenteil, es sogar wunderbar ist, Abende auf dem Sofa, mit einer netten DVD oder einem netten Buch, zu verbringen. Man verpasst nichts Weltveränderndes. Etwas, das ich erst in letzter Zeit gelernt habe. Ich blieb also mit einem Lächeln zu Hause und dachte keine Sekunde weiter darüber nach, was ich in jenem Augenblick versäumte. Ich war glücklich mit meiner Wahl. Früher hatte ich unterschwellig oft gehofft, niemals erwachsen zu werden, aber ehrlich gesagt bin ich über die Reife in diesem Teilbereich froh: Es macht das Leben entspannter.

Wisst ihr, was ich meine? Es sind diese kleinen Dinge, die zeigen, dass man erwachsen, älter wird. Und mit jeder Altersstufe sind es andere kleine Dinge. Filme zum Beispiel: Streifen, die ich als Kind, wenn ich sie mit meinen Eltern schaute, furchtbar fand ("Breakfast at Tiffany’s", z.B.) entdecke ich neu für mich. Bei meinem guten Freund Markus (knappe zehn Jahre älter als ich) merke ich es an der Tatsache, dass er verstärkt WDR 5 hört in letzter Zeit. Das Beispiel meine ich keineswegs spöttelnd, aber ich persönlich würde im Traum (noch) nicht auf die Idee kommen, WDR 5 einzuschalten. Es verschieben sich mit dem Alter einfach Prioritäten, Interessen und Neigungen. RPG eben: Am Anfang möchte man mit dem Kurzschwert alles kurz und klein hacken, Attacke, voll auf die Zwölf, aber nach vier Stunden Spielzeit weiß man um die Vorzüge des strategischen Vorgehens oder so und genießt, zwischen den Kämpfen, auch mal die Landschaft.

Und somit ist der Begriff "erwachsen werden" so wie wir ihn kennen, der ja in der Wahrnehmung so eng mit der Altersstufe 18 - 21 und gesellschaftlichen Erwartungen verknüpft ist, nicht korrekt. Man reift in Teilbereichen des Lebens, in anderen eben nicht. Könnt ihr nachvollziehen, was ich meine? Hattet ihr auch irgendwann das erste Mal "dieses Gefühl", erwachsen zu sein?

(Bild: photocase.com)

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