Rock me, F.W. Murnau!
Verfasst von Rouven am 29. Jan, 08:00
Neulich hatte ich noch „Sunshine" gesehen, diesen Sci-Fi-Schinken von 2007, in dem die Sonne kurz vor dem Exitus steht und wiederbelebt werden soll. Das geht natürlich beinahe schief, die Mannschaft des Raumschiffs dreht fast komplett durch, doch eines muss man dem Film lassen: Phantastische Sonnenbilder konnte er aufweisen.
Am Samstag war ich dann zu Besuch bei Freunden, die sich gerne gute Filme ansehen, und dort wurde mir wieder ein cineastisches Machwerk geboten, das ebenfalls den Titel „Sunshine“ trug. Zunächst dachte ich: „Oh nein, bitte nicht auch hier!“, doch ich hatte mich gottseidank leicht verhört. Tatsächlich handelte es sich um "Sunrise" und dieser Film hier besaß noch den Untertitel „A Song of Two Lovers“, zählte ganze 80 Lenze mehr und war ein Stummfilm eines unserer Stadtkinder: Friedrich Wilhelm Murnau*. Ich sollte also einen Film von dem Mann zu sehen bekommen, der uns bereits 1921 groteske Ikonen wie den oft gezeigten und zitierten Nosferatu-Gruselglatzkopf beschert hatte.
Gut, im Gegensatz zu dem ersten Film sprengt dieser letzte so ziemlich alle unseren heutigen Seh- und auch Hörgewohnheiten. Es ist nun mal ein Stummfilm, Ton ging damals einfach noch nicht (zumindest nicht, bis ihn ein anderer Bielefelder erfunden hatte) und Dialoge mussten mit Texttafeln suggeriert werden. Aber hey! Ist es nicht schön, einfach mal nur zusammen mit einem Film zu schweigen?
Schwarzweiß ist er auch noch, nachkolorieren käme einer Sünde gleich, klar, aber ich denke, nur die wenigsten unter uns werden, so wie der Typ, von dem Volker neulich berichtete, glauben, die Welt sei früher tatsächlich einmal schwarzweiß gewesen.
Nein, so sind wir nicht. Die ganze Filmwelt musste sich sintemalen vor Herrn Murnau aus Ehrerbietung verneigen: „Sunrise“ heimste bei den ersten Oscar-Verleihungen 1929 gleich drei der Goldkerle ein. Leider konnte Bielefeld diese Bilanz nicht allzu lange aufrecht erhalten, genau genommen seitdem auch nicht mal im Ansatz wiederherstellen. Liebe Medienstudenten, haltet Euch also ran, auf zur Academy für Bielefeld!
Einen Geniestreich zu landen ist allerdings nicht mehr so ganz einfach, zumal die großen technischen Geistesblitze, was man zum Beispiel mit einer Kamera und etwas Schnitttechnik bewerkstelligen könnte, zum Großteil schon erfunden worden sind. Die „subjektive“ Kamera, die den Blick des Protagonisten nachahmt etwa, oder die „entfesselte“ Kamera, auf ein schwenkbares Stativ befestigt, gibt es allesamt seit Murnau.
Bluescreen, Projektionen usw., alles das kommt auch in „Sunrise“ zum Einsatz, um die neu entfachte Liebe zwischen einem Bauern und seiner Frau in Szene zu setzen. Zuvor gerät der Mann aber in Versuchung durch eine Touristin aus der Stadt, die ihn überreden will, mit ihm in die Stadt zu kommen und seine Frau zurückzulassen. Sie zeigt ihm das Stadtleben auf der großen Nachthimmel-Leinwand und fragt ihn, in Bezug auf seine Frau: “Couldn’t she get drowned?“ („Kann sie nicht ertränkt werden?“)
Bei der Bootsfahrt auf dem anliegenden See kann er sich nicht dazu durchringen, seine Frau über Bord zu werfen, sie fahren an Land, sie flüchtet, er holt sie ein. Zusammen besteigen sie die vorbeifahrende Bahn, die die beiden blitzschnell in die große Stadt bringt: Bei einer von ihnen beobachteten Hochzeit erinnert er sich seines Schwurs und seiner Liebe zu ihr, bittet sie um Verzeihung und sie verbringen den Tag gemeinsam in den lebhaften Straßen.
Nachts fahren sie wieder heim, doch es kommt beinahe zu einer lebensbedrohlichen Katastrophe. Doch man kann ruhigen Gewissen – ohne irgendwelche Spoiler-Warnungen - sagen, dass es sich zum Guten wendet und die keiltreibende Touristin verjagt wird. Zu Recht: Die City-Krähe war nicht halb so süß wie seine bisherige Frau.
Nennt mich sentimental *schnüff*, nennt mich weibisch *schluchz*, doch wenn irgendetwas vergeudet war, dann doch wohl die Zeit mit dem Betrachten des beinahe gleichnamigen Science-Fiction-Blödsinns vorab.
Und bei der erwähnten Trambahnfahrt in die Stadt, tja, da kam mir kurz der Gedanke, ob sich da nicht der Regisseur an seine Zeit hier zurückerinnert gefühlt hatte: So schnell wie dort ist man mit der Bahn vom Land in die Stadt sonst nur in Bielefeld.
*F.W.M. hieß mit bürgerlichem Namen tatsächlich Plumpe und war Sohn des gleichnamigen Bielefelder Tuchfabrikanten. Mehr Infos gibt es bei der Wikipedia oder der hier ansässigen Friedrich-Wilhelm-Murnau-Gesellschaft.
Am Samstag war ich dann zu Besuch bei Freunden, die sich gerne gute Filme ansehen, und dort wurde mir wieder ein cineastisches Machwerk geboten, das ebenfalls den Titel „Sunshine“ trug. Zunächst dachte ich: „Oh nein, bitte nicht auch hier!“, doch ich hatte mich gottseidank leicht verhört. Tatsächlich handelte es sich um "Sunrise" und dieser Film hier besaß noch den Untertitel „A Song of Two Lovers“, zählte ganze 80 Lenze mehr und war ein Stummfilm eines unserer Stadtkinder: Friedrich Wilhelm Murnau*. Ich sollte also einen Film von dem Mann zu sehen bekommen, der uns bereits 1921 groteske Ikonen wie den oft gezeigten und zitierten Nosferatu-Gruselglatzkopf beschert hatte.
Gut, im Gegensatz zu dem ersten Film sprengt dieser letzte so ziemlich alle unseren heutigen Seh- und auch Hörgewohnheiten. Es ist nun mal ein Stummfilm, Ton ging damals einfach noch nicht (zumindest nicht, bis ihn ein anderer Bielefelder erfunden hatte) und Dialoge mussten mit Texttafeln suggeriert werden. Aber hey! Ist es nicht schön, einfach mal nur zusammen mit einem Film zu schweigen?
Schwarzweiß ist er auch noch, nachkolorieren käme einer Sünde gleich, klar, aber ich denke, nur die wenigsten unter uns werden, so wie der Typ, von dem Volker neulich berichtete, glauben, die Welt sei früher tatsächlich einmal schwarzweiß gewesen.
Nein, so sind wir nicht. Die ganze Filmwelt musste sich sintemalen vor Herrn Murnau aus Ehrerbietung verneigen: „Sunrise“ heimste bei den ersten Oscar-Verleihungen 1929 gleich drei der Goldkerle ein. Leider konnte Bielefeld diese Bilanz nicht allzu lange aufrecht erhalten, genau genommen seitdem auch nicht mal im Ansatz wiederherstellen. Liebe Medienstudenten, haltet Euch also ran, auf zur Academy für Bielefeld!
Einen Geniestreich zu landen ist allerdings nicht mehr so ganz einfach, zumal die großen technischen Geistesblitze, was man zum Beispiel mit einer Kamera und etwas Schnitttechnik bewerkstelligen könnte, zum Großteil schon erfunden worden sind. Die „subjektive“ Kamera, die den Blick des Protagonisten nachahmt etwa, oder die „entfesselte“ Kamera, auf ein schwenkbares Stativ befestigt, gibt es allesamt seit Murnau.
Bluescreen, Projektionen usw., alles das kommt auch in „Sunrise“ zum Einsatz, um die neu entfachte Liebe zwischen einem Bauern und seiner Frau in Szene zu setzen. Zuvor gerät der Mann aber in Versuchung durch eine Touristin aus der Stadt, die ihn überreden will, mit ihm in die Stadt zu kommen und seine Frau zurückzulassen. Sie zeigt ihm das Stadtleben auf der großen Nachthimmel-Leinwand und fragt ihn, in Bezug auf seine Frau: “Couldn’t she get drowned?“ („Kann sie nicht ertränkt werden?“)
Bei der Bootsfahrt auf dem anliegenden See kann er sich nicht dazu durchringen, seine Frau über Bord zu werfen, sie fahren an Land, sie flüchtet, er holt sie ein. Zusammen besteigen sie die vorbeifahrende Bahn, die die beiden blitzschnell in die große Stadt bringt: Bei einer von ihnen beobachteten Hochzeit erinnert er sich seines Schwurs und seiner Liebe zu ihr, bittet sie um Verzeihung und sie verbringen den Tag gemeinsam in den lebhaften Straßen.
Nachts fahren sie wieder heim, doch es kommt beinahe zu einer lebensbedrohlichen Katastrophe. Doch man kann ruhigen Gewissen – ohne irgendwelche Spoiler-Warnungen - sagen, dass es sich zum Guten wendet und die keiltreibende Touristin verjagt wird. Zu Recht: Die City-Krähe war nicht halb so süß wie seine bisherige Frau.
Nennt mich sentimental *schnüff*, nennt mich weibisch *schluchz*, doch wenn irgendetwas vergeudet war, dann doch wohl die Zeit mit dem Betrachten des beinahe gleichnamigen Science-Fiction-Blödsinns vorab.
Und bei der erwähnten Trambahnfahrt in die Stadt, tja, da kam mir kurz der Gedanke, ob sich da nicht der Regisseur an seine Zeit hier zurückerinnert gefühlt hatte: So schnell wie dort ist man mit der Bahn vom Land in die Stadt sonst nur in Bielefeld.
*F.W.M. hieß mit bürgerlichem Namen tatsächlich Plumpe und war Sohn des gleichnamigen Bielefelder Tuchfabrikanten. Mehr Infos gibt es bei der Wikipedia oder der hier ansässigen Friedrich-Wilhelm-Murnau-Gesellschaft.
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
mischa_verollet - 29. Jan, 08:27
Dein An- und Abführungszeichen-Freestyle-Massaker gefällt mir außerordentlich gut :-)
Spaß beiseite, guter Text, dem Mann wird zu selten gehuldigt. Warum wurde eigentlich kein Kino nach ihm benannt in unserer Stadt?!
Ich schlage hiermit den Namen "Murnau-Palast" für das Astoria am Klosterplatz vor.
Spaß beiseite, guter Text, dem Mann wird zu selten gehuldigt. Warum wurde eigentlich kein Kino nach ihm benannt in unserer Stadt?!
Ich schlage hiermit den Namen "Murnau-Palast" für das Astoria am Klosterplatz vor.
L. (anonym) - 29. Jan, 08:56
Soweit ich weiß, war Murnau homosexuell... vielleicht schämte man sich jahrelang aufgrund der Konventionen... und irgendwann war es dann zu spät?! Vielleicht der Grund, weshalb Murnau nicht den Stellenwert hat, den er verdient...



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