Die Nacht in der mich Sarah Kuttner disste
Verfasst von mischa_verollet am 18. Jan, 19:49

Eigentlich ist der Titel viel zu negativ. Eigentlich hat sie mich ja gar nicht gedisst. Und sowieso ist Sarah Kuttner eine coole Sau. Eigentlich müsste der Titel deshalb auch Sarah Kuttner ist eine coole Sau lauten. Bloß klingt das eben halb so spannend wie Die Nacht in der mich Sarah Kuttner disste. Und ein bisschen stimmt der Titel ja auch, genau wie die Tatsache, dass sie Helga mag. Jaha. Und das ging so.
Ab dem 24. Februar läuft ja auf Sat 1 Comedy, einem digitalen Abo-Sender, die Poetry-Slam-Reise-Doku „Slam Tour mit Kuttner“. In dieser Show reist Sarah samt Team von deutscher Metropole zu deutscher Metropole und berichtet aus der dortigen Slam-Szene. Neben Interviews mit lokalen Slam-Heroen werden ausgewählte Original-Live-Beiträge in voller Länge gezeigt, und trotz „Comedy“ in „Sat 1 Comedy“ laut Produktionsleitung auf eine gesunde Mischung aus witzig und nachdenklich geachtet. Ich persönlich finde das Konzept, wie es mir vorgestellt wurde, reizvoll, gleichwohl die Show für eine der größten Diskussionen in der Geschichte der Slamily sorgte und die „Ausverkauf, Ausverkauf“-Rufe nach wie vor nicht verstummt sind. Und jetzt bin ich mal für slamily-Verhältnisse total mutig – ohne die fertige Sendung gesehen zu haben und ohne zu wissen, ob mein Text gesendet wird, wage ich ausschließlich anhand der Erfahrungen mit dem Produktionsteam gestern Abend in Hannover zu behaupten: Wenn der Ausverkauf SO aussieht, dann kann er kommen. Da sind Leute am Werk, die auf Slam stehen. Und das sehen die MCs Egge und Henning Chadde und viele andere Slammer, die gestern beteiligt waren, glaube ich, keinen Deut anders.
Ich war also zur gestrigen Aufzeichnung des Hannoveraner Slams eingeladen worden. Und so stieg ich im Anschluss an meinen WDR 3- bzw. Campus Radio Hertz-Auftritt an der Uni Bielefeld in den IC nach Hannover und dort angekommen direkt aus dem Zug auf die Bühne – der undankbare Startplatz 2 von 12 blieb mir wie in Berlin gewogen. Umso glücklicher war ich am Ende über den 3. Platz; bei der Konkurrenz und dem miserablen Startplatz ein kleines Wunder.
Nach der abgegoltenen Chronistenpflicht jetzt via Kür wieder zurück zu Sarah. In der Pause unterhielt ich mich mit Oliver aus dem Riesenbuhei-Team, als Sarah auf mich zukam und sinngemäß folgendes sagte: „Digger, der Helga-Text ist total geil, ich hab sehr gelacht, aber du, ganz ehrlich, dein erstes Buch, Phantomherz, das fand ich fürchterlich.“
Fürchterlich, sachtese.
FÜRCHTERLICH.
F-Ü-R-C-H-T-E-R-L-I-C-H.
Da trifft man einmal im Leben auf eines seiner Idole und möchte sich ehrfürchtig verneigen und ein devotes „ich fand deine sendung total großartig was für geile bands du immer am start hattest und was fürn geilen musikgeschmack du hast und sowieso ist dein style total knorke und ich ärgere mich bis heute dass ich die sendung mit dir und nora tschirner nicht aufgenommen habe die beiden coolsten frauen des deutschen fernsehens an einem tisch sahne digger kurz ich mag dich und bin dein größter fan komm lass uns netzwerken“ ins Ohr hauchen und was sagt sie?
„Ich fand dein erstes Buch fürchterlich.“
Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaargh! Weltuntergaaaaaang! Wo sind die Klingen, der Strick, nein, wo ist der SB-Elektrische Stuhl?! Mein Idol disst mich, hasst mich, ach komm, ich verpiss mich. Buhuhu.
Nein. Stopp. Das „Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaargh!“ verfälscht die Tatsachen. Nicht nur, weil sie mit ihrer im Anschluss differenzierteren Kritik im Prinzip Recht hatte – viel zu viel Zeigefinger, viel zu oft moralisierend, viel zu selten frech, aber, Scheiße, ich war bei manchen Texten erst 17 und hatte noch Ideale. Nein, ich muss jetzt trotz „fürchterlich“ für Sarah Kuttner eine enorme Lanze brechen. Denn Sarah ist, hands down, offiziell eine coole Sau. Wie Markus auch findet. Warum?
Ich spule mal knapp drei Jahre zurück. Das sparrenblog war Schnee von morgen, Phantomherz, mein erstes Buch, juste erschienen, ich stolz wie Oscar. Nachts schaute ich regelmäßig und mit Leidenschaft Sarah Kuttner – Die Show und war dolle Fan, von ihr, von der Show und von Gästen wie Nicolette Krebitz, Maxim Biller oder Maximo Park. Und was macht man so als Fan? Man schickt sein erstes Buch nebst liebevoll formuliertem Brief an MTV, z. H. Sarah Kuttner in Berlin, und hofft, dass das Ding nicht einfach so im Müll landet, weil es für drittklassiges Guerilla-Marketing seitens des Verlages gehalten wird, nein, man hofft, so im Stillen für sich und so, dass zumindest die Redaktions-Assistenz oder die Praktikantin, an die Frau Kuttner mit Sicherheit die Fanpostvernichtung weiterdelegiert, vielleicht mal reinschaut. Ergo: Erwartet habe ich reaktionstechnisch nichts.
Aber Flötepiepen! Sarah Kuttner las tatsächlich mein Buch! Es landete in keinem Papierkorb, in keiner Ablage, bei keinem Praktikanten, sie hat es wirklich gelesen. Sie, die Frau aus meinem Fernseher! Hurra! Ok, kleiner Schönheitsfehler, sie fand Phantomherz im Großen und Ganzen „fürchterlich“ (im Anschluss an die erste Kritik differenzierte Sarah noch mal und tröstete mich, dass nicht alle Texte schlecht gewesen seien, so habe sie z. B. die Geschichte mit der Oma gewogen und für ziemlich gut befunden und davon ab, Helga sei wirklich eine Steigerung gewesen), aber hey! Sie hat’s gelesen. Das finde ich ja mal ziemlich cool. Und nicht nur das, sie besaß auch den Anstand, mich nicht mit der Promi-Standard-Floskel („Ich mag dein Werk, wirklich!“) abzuspeisen, sondern mir ihre ehrliche, direkte Meinung zu sagen. Das hat mich beeindruckt. Manch ein Unreflektierter würde Sarah vielleicht aufgrund der Aussage Arroganz unterstellen wollen, aber ich nicht, im Gegenteil. Kein bisschen, das war in meinen Augen menschlich großes Kino. Die meisten Fernseh- und Medienmenschen, die man so kennenlernt, sagen dir nämlich aus Bequemlichkeit lieber, – und das, Kinder, ist die traurige Wahrheit – dass sie alles, was du machst, total dufte finden, um einer Konfrontation und einem längeren Gespräch aus dem Weg zu gehen. Nicht so Frau Kuttner. Sie war ehrlich. Ich trug’s mit Fassung.
Jetzt hat sie natürlich auch meinen Roman. Und meine E-Mail-Adresse. Und bald Urlaub. Sprich: Zeit. Ich bin sehr gespannt.
10 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Holger (anonym) - 18. Jan, 20:33
Das beste an Sarah Kuttner waren ihre Playboyfotos. Ohne Quatsch, alle den ehemaligen MTV oder VIVA-Moderatoren (VJ's) kann ich nicht viel abgewinnen. Ist auch so eine Kategorie C-Prominenz.
silka (anonym) - 18. Jan, 20:35
ich würde dein buch auch gerne mal lesen . ich war ziemlich enttäuscht, dass ich nicht mehr reinkam. man sagte mir nur, dass es im nächsten monat noch einmal etwas geben würde.
Markus Freise (anonym) - 18. Jan, 20:37
Das war wohl einer der Abende, die wir nicht vergessen werden. Seltsam wundervoll.
Pong (anonym) - 18. Jan, 21:58
So steht es geschrieben.
Feylamia - 18. Jan, 22:01
Mit Sarah Kuttner würde ich gerne mal ein Bier trinken... noch lieber, wenn Nora Tschirner auch mitkäme. Die beiden sind (lies: wirken im Fernsehen so, als wären sie) dermaßen witzig und dabei auch noch so sympathisch - das gehört verboten. *g*
little james (anonym) - 19. Jan, 12:53
sie sieht auf dem bild gar nicht so klein aus wie sie immer tut. oder bist du in die hocke gegangen? :)


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