Freitag, 30. November 2007

Inseln


Auf einer Hallig...

Der erste Schlag traf sie am Wangenknochen.

Taumelnd stieß die Frau mit dem Rücken gegen die Wand und versuchte ihr Gesicht zu schützen. Ihre Augenlider zitterten, wie durch einen Schleier sah sie die Faust erneut auf sich zukommen. Der zweite Schlag schloss das linke Auge. Ein leiser Seufzer entwich ihrem Mund, mehr Überraschung als Schmerz. Der Seufzer war kaum hörbar gewesen. Dennoch hielt der Mann inne, sein Arm blieb in der Luft stehen. Die Frau sah ihn an und wartete auf den dritten Schlag. Aber er kam nicht.

Der Mann ging zum Tisch, nahm das Messer, mit dem er das Brot geschnitten hatte und wischte es an seiner Hose ab. Den derben Wollpullover zog er fester um seinen Hals. Er sei jetzt auf dem Meer, sagte er mit leiser Stimme, er käme heute abend, wenn es dunkel würde, zurück. Die Frau nickte. Ihr Blick glitt aus dem Fenster, über den Rand der Hallig hinaus auf das offene Wasser. Die Sonne war gerade aufgegangen.

Nachdem der Mann die Wohnstube verlassen hatte, legte die Frau mit der alten scharlachroten Narbe am Unterarm einen Holzscheit im Ofen nach. Dann wischte sie den Steinfußboden, der von den schweren Arbeitsstiefeln des Mannes dreckig und nass geworden war. Zwischendurch setzte sie einen heißen Tee auf und kühlte ihr Auge mit Eis aus dem Schrank. Sie zuckte in diesen Augenblicken stets zusammen. Das Eis war so kalt wie die Schläge zuvor.

Am Nachmittag verließ sie das Haus mit den roten Backsteinen und dem Reetdach und ging den kleinen Kiesweg zum Brunnen am Steg der Hallig hinunter. Sie holte Wasser und ließ es in die Tröge der Schafe fließen. Mit einem kleinen Wagen zog sie das Brennholz, das der Mann geschlagen hatte, ins Haus und schichtete es neben dem Ofen auf. Abends wurde der Wind kräftiger und zog an der Wäscheleine, die sich vor dem Haus zwischen zwei Bäumen dehnte. Wenn der Wind wieder mal das weiße Bettlaken zum Tanzen aufforderte erhaschte sie durch das Fenster der Wohnstube einen kurzen Blick auf die Hallige der Nachbarn am Horizont. Mit kräftigen Ruderschlägen waren sie innerhalb weniger Stunden zu erreichen. Das Boot des Mannes war nirgends zu entdecken. Der Schmerz im Gesicht der Frau ließ langsam nach.

Als über den Halligen des Nordmeers das Dunkel des Abends hereinbrach, trieb sie die Schafe zusammen und schloss das Gatter mit festem Tauwerk. Dann stellte sie einen Topf mit Kartoffeln auf das Feuer. Während die Flammen das Wasser erhitzten, zog sich die Frau mit der scharlachroten Narbe in das Schlafzimmer zurück. Sie nahm ihre Schürze ab und setzte sich vor den Spiegel. Sie zog den Stift heraus, der ihre langen grauen Haare zusammenhielt und kämmte sie, bis sie im Licht der Kerzen glänzten. Mit Puder und Paste aus kleinen Keramikbechern tupfte sie ihr Gesicht ab und verbarg das Grün und Blau. Das Auge öffnete sich langsam wieder. Als sie Schmuck anlegte, entdeckte sie in einer Schatulle, neben einer grünen Brosche, einen kleinen Zahn. Ein Zahn, der aus einem Mund herausgeschlagen worden war. Das Blut war längst getrocknet, aber sie erinnerte sich an ihn, als wäre er gestern in die Schatulle gelegt worden.

Die Frau lächelte ihr Spiegelbild an. Die blauen Flecken rund um ihr Auge sah man kaum noch. Sie war glücklich und zog das schönste Kleid an, das sie besaß. Die Frau würde schön sein für den Mann, wenn er von seinem Tag auf dem Meer nach Hause kam. Sie würde schön sein und alles wäre wie immer auf der Hallig.

***

Als sie sich spannte, zog der Junge die Angelschnur wie sein Vater es ihm gezeigt hatte langsam, aber mit Druck aus dem Wasser. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab. Er hatte einen Fisch am Haken. Er hatte seinen ersten Fisch am Haken. Sein Vater nickte anerkennend. Der Junge konnte sich nicht dran erinnern, wann ihm dies das letzte Mal wiederfahren war.

Sie waren heute morgen, im ersten Licht des Tages, mit dem Boot hinausgefahren. Das kurze Gras der Hallig hatte, als sie zum Boot hinuntergingen, unter seinen Stiefeln geknirscht, so nass war es vom Tau gewesen. Heute sei sein großer Tag, das waren die Worte des Vaters gewesen. Dann, als keine der Hallige mehr zu sehen gewesen waren, hatte er das Netz ausgeworfen und sich mit dem Jungen in den hinteren Teil des Bootes gesetzt. Sie aßen die mitgebrachten Brote und wärmten ihre Leiber mit Tee. Aus einem Ast schnitzte er dem Jungen eine Angelrute und als es Mittag war, ließ dieser die Schnur ins Wasser fallen.

Der Junge beobachtete den Fisch, wie er sich im vergeblichen Überlebenskampf wand und schnappte. Plötzlich empfand er Mitleid. Er war gewillt, ihn wieder ins Wasser zu werfen, dorthin zurück, wo er hingehörte. Der Junge schaute unwillkürlich zu seinem Vater auf. Aber jener, der die Gedanken erahnte, schüttelte den Kopf und hielt ihm den kleinen Holzknüppel hin. Der Junge senkte seinen Blick traurig. Er wusste, wofür der Knüppel war.

Der Fisch zuckte kaum noch, nur die Flosse bewegte sich ein wenig, als der Junge sich über ihn beugte. Aber er lebte noch und schaute den Jungen mit einem Auge an. Der Junge kannte diesen Blick. Er kannte ihn nur zu gut. Heute morgen, bevor sie die Hallig mit dem Boot verließen, hatte er ihn in den Augen seiner weinenden Mutter gesehen. Der Junge griff fester um den Knüppel und atmete tief durch. Sein Vater legte eine aufmunternde Hand auf seine Schulter.

***

Sie brühte den Kaffee auf, den der Mann vom Festland mitgebracht hatte. Während der Wind die Wolken über die Hallig hinweg flitzen ließ, verbreitete das Feuer des Ofens eine wohlige Wärme in der Wohnstube des Hauses mit den roten Backsteinen und dem Reetdach.

Am kleinen Tisch tranken die Frau und der Mann schweigend den Kaffee. Es war kein Tag draußen zu sein. Am Horizont erkannte der Mann das Licht der Nachbarn. Niemand arbeitete heute. Es sei wieder gestiegen, das Wasser, sagte der Mann nach einer Weile. Eine weitere der weißen Linien, die er als kleiner Junge an einen Pfahl des Stegs gemalt hatte, sei unter Wasser verschwunden. Die Frau hielt sich an ihrer Tasse fest. Was das bedeute, fragte sie leise. Der Mann erwiderte lange Zeit nichts. Dann erzählte er, dass vielleicht schon ihre Urenkel die Hallig für immer verlassen müssten, in Richtung Festland. Die Frau schüttelte den Kopf. Das sei unvorstellbar. Ja, sagte der Mann. Aber das Wasser könne man nicht aufhalten. Niemand könne das Wasser aufhalten. Die Hallig würde untergehen. Sie sagte nichts mehr.

Dann griff der Mann noch mal in seine Tasche, aus der er am Morgen die Besorgungen hervorgeholt hatte, wegen derer er auf das Festland gefahren war. Er zog ein Buch heraus, ein altes abgegriffenes Buch und legte es auf den Tisch. Es sei für sie, sagte er mit leiser Stimme, das Buch, das sie als Kind immer so gern gelesen habe. Die Frau mit der scharlachroten Narbe am Unterarm lächelte. Sie streichelte sanft über den Bucheinband. Er war rauh und verschlissen und von minderer Qualität. Aber er war schön. Die Frau schaute auf und griff nach der Hand ihres Mannes. Er zuckte unmerklich zusammen und wollte sie zurückziehen. Doch dann ließ er seine Hand unter der seiner Frau. Sein Blick streifte aus dem Fenster, über den Rand der Hallig hinaus auf das offene Wasser. Es war gut, dachte er. Es war gut.

***

Mit regelmäßigen und starken Schlägen trieb der Vater das Boot durch das Meer. Das Wasser war ruhig an diesem Tag, ruhig und schwarz. Nur ein leichter Wellengang ließ das Schiff sanft nach links und rechts schaukeln. Durch den Nebel war die andere Hallig bereits zu erkennen, das Haus mit den roten Backsteinen und dem Reetdach, einstmals braun, aber von vielen Winden und Wettern und der salzigen Luft weiß gefärbt. Davor grasten einige Schafe und zwischen ihnen, wartend, sehnend, ein Mädchen.

Der Junge saß im Bug des Bootes und hielt seine Hand ins Wasser. Als sie fast eiskalt und erfroren war zog er sie aus dem schwarzen Nass und legte ihre Fläche auf seine Wange. Die Kälte linderte den Schmerz. Der Junge ballte die Faust der linken Hand in seiner Hosentasche. Er hielt seinen Zahn fest, den Zahn, den der Vater heute morgen herausgeschlagen hatte. Es war der zweite Schlag gewesen, der ihn löste. Die erste Ohrfeige bekam er wegen seines Verschlafens. Den zweiten Schlag, mit der Faust, weil er geschluchzt hatte. Wie ein Mädchen. Das hatte der Vater geschrien und ihm befohlen, sich anzuziehen. Der Morgen graute bereits und die Nachbarn auf der anderen Hallig warteten. Ein Sturm hatte zwei Bäume gefällt und den Schuppen beschädigt. Und im Nordmeer half man sich. Als durch den grauen Dunst die ersten Sonnenstrahlen zu sehen waren, stieg der Junge zu seinem Vater ins Boot und sie begannen zur anderen Hallig hinüberzusetzen.

Der Nebel lichtete sich allmählich. Das Wasser wurde heller. Oberhalb der Hallig war bereits blauer Himmel zu sehen. Es würde ein schöner Tag. Nur noch wenige Meter, dann wären sie da. Das Mädchen, das inmitten der Schafe auf ihn wartete, rannte zum Steg hinunter, die kalte Meeresbrise zersauste seine Haare. Der Junge lächelte und freute sich. Er mochte das Mädchen sehr, das Mädchen mit der scharlachroten Narbe am Unterarm. Der Junge mochte es sehr und konnte kaum erwarten, ihm seinen herausgebrochenen Zahn zu zeigen. Mit einem Grimm im Lächeln blickte er zurück zu seinem Vater, dessen Haupthaar die gleiche Farbe wie das Reetdach besaß. Eines wusste der Junge: Er würde später alles anders machen. Er entstieg dem Boot, zurrte es fest und lief dann über den Steg auf das Mädchen mit der scharlachroten Narbe zu.

Er würde alles anders machen. Alles anders. Alles.

E N D E

Mit diesem Text gewann ich vorgestern im zweiten Jahr in Folge den Bielefelder Poetry Award. Darüber bin ich sehr glücklich, da mir der Text eine Menge bedeutet. Ein Bericht zur Veranstaltung findet sich hier. Und Markus hat das hier empfohlen, also mache ich da auch mal mit.

Trackback URL:
http://sparrenblog.twoday.net/stories/4493730/modTrackback

Lisa (Gast) - 30. Nov, 07:59

Hatte am Ende einen Kloß im Hals. Wow.

andre (Gast) - 30. Nov, 11:27

Herzlichen Glückwunsch

...verdient gewonnen!

textexter (Gast) - 30. Nov, 11:57

Und ich

dachte schon im Anlesen, da hätte Henning Mankell an seinen Roman "Die italienischen Schuhe" noch ein Bielefelder Kapitel angehängt. das am offenen Meer spielt. Glückwunsch von hier.

@irsign (Gast) - 30. Nov, 13:00

Gefällt mir sehr gut! Insbesondere natürlich das Ende. Erinnert mich (wegen des gewählten 'Ortes') an Mankells 'Tiefe'.
GLÜCKWUNSCH! :)

@irsign (Gast) - 30. Nov, 13:02

Oh, da sehe ich gerade, dass noch jmd. anderes einen Mankell-Vergleich bemüht. Na, da können wir doch nicht beide irren. ;) Aber nicht, dass du noch mein neuer Lieblingsautor wirst (ist und bleibt Mankell ;)).
Störtebäcker (Gast) - 30. Nov, 13:49

Well done!

Marcel (Gast) - 30. Nov, 14:11

Wow, sehr schön!
Emotionen und Bilder in meinem Kopf...

Ist der Text aus Deinem aktuellen Buch?

mischa_verollet - 30. Nov, 19:12

@alle: DANKE für das Feedback, das freut mich total, gerade bei diesem Text! Danke!

@textexter und airsign: Wow, der Mankell-Vergleich schmeichelt natürlich. Wobei ich zu meiner Schande gestehen muss noch nie ein Buch von ihm gelesen zu haben... Aber das muss ich ja jetzt wohl ändern ;) Mit welchem Buch steigt man denn am besten ein?

@Marcel: Danke für das Lob. Der Text ist nicht aus meinem Buch, der Roman geht in eine ganz andere Richtung, eher lustig und unterhaltsam, wenn durchaus an der einen oder anderen Stelle nachdenklich, aber ganz anders als "Inseln". Wenn dir diese Kurzgeschichte sehr gefiel, wäre mein erster Kurzgeschichtenband "Phantomherz" eher wat für dich!

@Bielefelder Spiegel: Danke für das tolle Portrait im neuen Heft :)

@irsign (Gast) - 1. Dez, 02:28

Mit welchem Text man anfangen soll? Puh... schwer zu sagen. Geschmäcker sind da ja verschieden.
Ich liebe ja die Wallander-Krimis. Da kann mal chronologisch anfangen (Wallanders erste Fall, bzw. Mörder ohne Gesicht), muss man aber nicht, da die besten nicht die chronologisch ersten sind (am besten finde ich: Die Weiße Löwin, Die Falsche Fährte, Die Fünfte Frau, Mitsommermord).
Oder du liest 'TIEFE' zuerst. Ist am Anfang etwas langatmig und sicher nicht der beste und spannendste seiner Romane (kein 'Wallander'), aber irgendwie auch typisch Mankell und erinnert eben an deine Kurzgeschichte, weil es überwiegend auf einer Hallig spielt.
Sehr gut gefiel mir auch die 'Rückkehr des Tanzlehrers'.
Die Afrika-Romane habe ich noch nicht gelesen, ich fürchte, die sind mir zu traurig.
Bielefelder Flaneure - 1. Dez, 00:30

Ein kluger und ein mutiger Text. Wir haben am Mittwoch der Jury-Entscheidung klar zugestimmt: Das war der 1. Platz. Nun bleibt die Frage: Was wird uns Doppelsieger Mischa im nächsten Jahr bieten, wie kann er die Geschichten der letzten beiden Jahre noch toppen?

Jakobs Dröhnung (Gast) - 1. Dez, 02:15

Mehr Kaffee?