Dienstag, 3. Juli 2007

Erst abgebrannt, dann ausgebrannt


In letzter Zeit musste ich immer öfter feststellen, dass Studenten nicht mehr wie früher sind. Während man morgens einst zur Arbeit ging, als die letzten Studenten – ja, auch unter der Woche, liebe Erstsemester – nach Hause kamen, sind Arbeitnehmer mittlerweile die letzten auf der Tanzfläche. Immer mehr hört man seitens Studenten Aussagen wie: „Du, dieses Wochenende Party is‘ nich‘, ich muss lernen.“ oder „Ne, ein Bier muss reichen, ich muss nüchtern bleiben, is‘ Klausurphase.“ Was ist los mit den Studenten von heute? Die Antwort ist einfach – ein Syndrom, für das man früher erst Jahre lang studieren musste, um es nach vierzigjähriger Karriere zu erlangen: Das Burnout-Syndrom. Testet hier, wie stark ihr gefährdet seid.

Es scheint, dass mit vermehrter finanzieller Belastung durch Studiengebühren und durch diverse Hochschulreformen der Ehrgeiz die Belastung der Studenten gestiegen ist. Die lustige Laissez-Faire-Mentalität von früher ist einer erschreckenden Ernsthaftigkeit gewichen. Und schon sind erste Opfer zu beklagen:

Immer mehr Studenten leiden unter Burn-out-Symptomen wie Depressionen, Angstattacken, Versagensängsten und Magenkrämpfen. Wie das Deutsche Studentenwerk am Montag in Berlin mitteilte, melden sich in den Psychologischen Beratungsstellen verstärkt Hochschüler mit solchen Beschwerden. (via Netzeitung)

Dabei scheint es tatsächlich einen direkten Zusammenhang zwischen den Hochschulreformen (Stichwort Bachelor und Master) und der Burnout-Pandemie zu geben:

Der Präsident des Studentenwerks, Professor Rolf Dobischat, sprach von einer «Besorgnis erregenden Entwicklung». Die Studierenden stünden unter immer stärkerem Erwartungs-, Leistungs- und vor allem Zeitdruck. Die zahlreichen Hochschulreformen dürften aber nicht dazu führen, dass ein Studium krank mache. Dobischat appellierte an die Hochschulen, insbesondere die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge nicht zu überfrachten (via Netzeitung)

Den letzten Satz bestätigte mir jüngst eine befreundete Studentin aus eigener Erfahrung heraus. Studentenzeit = Partyzeit, die Zeiten sind vorbei. Wird man in Zukunft also weite Teile der Studiengebühren für eine umfassende psychologische Betreuung aufwenden müssen? Erst mal wohl nicht:

Die anonyme psychologische Beratung beim Studentenwerk ist in der Regel kostenlos. (via Netzeitung)

Auch unsere Uni hier in Bielefeld hat eine psychologische Betreuung im Angebot (man beachte die wunderbare Teil-URL „.../psychos.html“, hihi). Zwar gibt es noch keine „Burnout-Gruppe“, aber in der offenen Sprechstunde oder auch in der Gruppe „Allgemeine Ängst und Studienängste“ wird es sicherlich die eine oder andere erste Hilfe geben.

Weiterführendes: Alles über Burnout im Focus-Special.

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http://sparrenblog.twoday.net/stories/4026980/modTrackback

Lampe (anonym) - 3. Jul, 08:25

You don't know how deep the rabbithole goes!

Jaha... sehr schön beobachtet. Studentenleben = Partyleben, die Zeiten sind wirklich vorbei, bzw. diesen Spaß können sich nur noch wenige finanziell leisten. Und Burnout ist in unserer Leistungsorientierten Gesellschaft wohl langsam Volkskrankheit.

Zwei Tatsachen machen aber diese ganze Entwicklung noch schlimmer und besorgniserregender, jedenfalls nach meiner Auffassung:
1. Den meisten Studies in dem "neuen" Bachelor wird eingetrichtert, dass man richtig ran klotzen muss, damit man gute Noten hat um zum Master zugelassen zu werden. Irgendwo im Papier der Kultusminister von Europa steht nämlich, dass nur die Hälfte der Bacheloren einen Masterplatz bekommen sollen. Wenn man sowas einem jungen und unbedarften Abiturienten erzählt, der vermutlich nicht mal eine kleine Charakterbildung durch Zivi oder FSJ oder auch Bund genossen hat, der wird genau wie in der Schule reagieren, meistens jedenfalls. Und genau das passiert in letzter Zeit auch. Die Zahl der Bücher die in der Bibliothek "versteckt" wurden, also falsch eingeordnet damit nicht alle zugriff auf das Buch haben ist mit Einführung von BA/MA expoldiert! Auch in Bereichen wo man meinen sollte, dass dort sowas nicht passiert. zB Physik. Auch gingen am Anfang der BA/MA Einführung die Anzahl der Lerngruppen die sich sonst spontan gebildet haben zurück... weil es hat ja niemand mehr den anderen "Hausaufgaben abschreiben" lassen. Mitlerweile gibt es aber durch viel Initiative der Fachschaften bei den neuen Studenten recht schnell das Einsaehen, dass man besser gemeinsam lernt, in Lerngruppen.

2. Wenn ich an meine Jugen (*hüstel*) zurück denke, dann klingen da so Sätze nach wie: "Mach erstmal dein Abi, und dann scheun wir mal." Ob das jetzt ein guter Rat war, lass ich mal dahingestellt, aber neulich kam mir bei einem Vertretzer der Industrie in der Uni folgender Satz unter: "Mach erstmal deinen Bachelor, und dann sehen wir weiter." Zum Glück ist ja eine dunkle Erinnerung auf der einen Seite und ein aufgeschnappter Satz auf der anderen Seite nicht gleich ein deutliches Zeichen für einen Umschwung in Richtung "Bachelor, das neue Abitur". Allerdings ist mir auch in letzter Zeit ein deutliches Umdenken der Studenten der Naturwissenschaften (hab ich nunmal aus Beschäftigungsgründen am meisten mit zu tun) aufgefallen: Auf die Frage "Warum studiert ihr eigentlich?" kommt immer öfter die Antwort: "Na um die Leistunspunkte zu bekommen weil Wissenschaftler werden gerne genommen." Zum einen kommt das vom Leistungsdruck (siehe Mischa und auch Punkt 1) würde ich sagen, aber auch daher das irgendwie gerne mal vergessen wird, dass Wissenschaft von "Wissen und Leidenschaft" kommt (Niels Bohr). Mit ein Grund warum die Abbrecherquote seid Einführung von BA/MA angestiegen ist.

Und zum Schluss: Die Psycho-soziale Beratung in der Uni ist wirklich erstklassig. Es wird einem wirklich bei den unterschiedlichsten Problemen geholfen. Angefangen bei Prüfungsangst über Angst vor einer großen Gruppe zu sprechen bishin zu den heftigstens psychischen Problemen.

Arne (anonym) - 3. Jul, 09:33

BA ist nur ein Teil des Problems

In Sachen BA muss ich euch schon recht geben ... ist mehr geworden. Wenn ich mir allerdings die Diplom BWLer (ich studiere BA Linguistik mit Nebenfach WiWi, d.h. ich muss noch BWL-Diplom-Vorlesungen besuchen) anschaue... bei denen sind ca. 5 Klausuren pro Semester die Regel.
So gesehen seh ich da keine Verschlimmerung durch den BA. Nur wenn ich dann (in einer Vorlesung für BA und Diplomer) mitbekomme, dass es bspw. keine wöchtentlichen Tutorien gibt, sondern man nur wöchtentlich seine Übungszettel einreichen darf... da frag ich mich dann ob das BA Prinzip wirklich so der Bringer ist.

Viel schlimmer finde ich, dass man von allen Seiten zu hören kriegt, dass nur Informatiker und Ingenieure gesucht werden. Und natürlich nur Studenten mit exzellenten Noten.
Vielleicht war es früher einfach so, dass es nicht ungefähr 5 kostenlose Magazine an der Uni gab, in denen auf dem "Wir stellen nur Leute mit 1,x und x Auslandserfahrung ein"-Trip rumgeritten wurde...

Ich persönlich leide sehr unter dem "Leistungsdruck", frage mich aber gleichzeitig ob es sich überhaupt lohnt. Schließlich sind gerade in der Linguistik noch genug Studenten zu finden, für die Party vor allem anderen kommt.

Burnout hattich auch schon... aber das is ne andere Geschichte.

Feylamia - 3. Jul, 10:01

Imho hat das alles weniger mit der BA/MA Einführung zu tun, sondern mit der generellen Lehrsituation.

Am Anfang meines Studiums war ich ziemlich motiviert, aber nach meinem Auslandsaufenthalt hat sich das doch stark geändert. Wenn man einmal richtige Lehre erlebt hat, dann findet man in der Bielefelder Anglistik nur noch sehr selten Kurse, die man nicht als traurigen Witz empfindet. Da ist es kein Wunder, wenn die Leute langsam aber sicher Depressionen bekommen - man hat schliesslich die ganze Zeit im Hinterkopf, dass man sich den Abschluss im Prinzip in die Haare schmieren kann und in die sichere Arbeitslosigkeit studiert.

hen (anonym) - 3. Jul, 11:31

100% d'accord! Und wenn man keine Depressionen bekommt, dann wird man wütend. Macht das Studieren aber auch nicht angenehmer...
hen (anonym) - 3. Jul, 11:36

oh, und - *hüstel* - das war übrigens schon vor 8 Jahren in der Bielefelder Anglistik so, da war von BA/MA noch nicht im entferntesten die Rede.

Den einzigen, der wirklich gute innovative Lehre gemacht hat, hat man "wegkomplientiert" bzw. ungehindert ziehen lassen. Ich nenne keine Namen (kennt heute in BI eh kein Schwein mehr).
Matthias (anonym) - 3. Jul, 12:32

Während meines Studiums war die offizielle Regelstudienzeit noch 12 Semester. Interessant war die nur für BAFöG-Empfänger. Heute muss man sein Pensum in 8 Semestern runterreißen. Das ist eine Kürzung um 30 %, bei gleichem fachlichen Inhalt. Der Druck der Studiengebüren tut das übrige, wie ich bei einer Menge Leute sehen kann. Es gibt zudem genügend Fächer, die man in der Arbeitswelt nur mit Bestnoten und dann auch nur unterbezahlt ausleben kann, wenn man nicht im Elfenbeinturm bleiben kann.

Ich habe mich vor einiger Zeit entschieden, einen anderen Weg zu gehen, als den, für den ich studiert habe. Mein Testergebnis:
"Es geht Ihnen gut. Mit Ihrem beruflichen und privaten Leben sind Sie offenbar zufrieden. Stress in der Arbeit, hohe Leistungserwartungen und Termindruck werfen Sie nicht aus der Bahn. Dennoch sollten Sie in Stoßzeiten Ihre Situation kritisch hinterfragen und sich überlegen, wie Sie nicht in die Burnout-Falle tappen." Und das letzte Bisschen Unzufriedenheit kriege ich spätestens im nächsten Jahr auch noch weg!

thorsten (anonym) - 3. Jul, 17:54

Ganz ehrlich...ich habe kein Burnout-Syndrom und bin davon auch ziemlich weit entfernt.... Da habe ich wohl Glück, dass ich das Richtige studiere... Im Moment ist zwar Klausurenphase, aber das muss halt auch mal sein....
An alle, die sich den Turbostress machen...was macht ihr später im Job? Da gehts wohl noch wilder zu, als im Studium...

Für manche Leute wäre es einfach besser, wenn man mal in das richtige Leben schnuppert..wie oben schon beschrieben... FSJ/Bund/Zivi/Ausbildung.... 'Abi-Mäuschen', die direkt vom Abi ins Studium gehen, haben echt öfter solche Probleme...so sind zumindest meine Beobachtungen...

So long!

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