Hab mir’n Megafon gekauft
Verfasst von mischa_verollet am 15. Mai, 06:00

HAB MIR’N MEGAFON GEKAUFT. Gab’s günstig, an der Ecke, beim Elektrotürken. Stelle das Megafon zu Hause erstmal auf den Küchentisch und schaue es mir eine Viertelstunde lang fasziniert an. Freundin kommt rein. Sieht Megafon. Missbilligt Megafon. Freundin will wissen, was das zu bedeuten habe.
HAB MIR’N MEGAFON GEKAUFT, erkläre ich durch’s Megafon.
Bringe Freundin mit Verdacht auf Tinnitus ins Krankenhaus. Ärzte machen Tests. Freundin muss vorerst stationär da bleiben. Ob ich mich bereits mit Gebärdensprache auseinandergesetzt habe, fragen Ärzte. NEIN, sage ich. HAB MIR’N MEGAFON GEKAUFT. Ärzte setzen sich auch mit Gebärdensprache auseinander.
Langweile mich im Krankenhaus. Machen einen Spaziergang, mein Megafon und ich. Fühlen uns gut dabei. Stellen uns auf den Jahnplatz und organisieren eine Demo. Gegen den Krieg. Was für’n Krieg, fragen die Leute. Ist doch egal, sage ich. Nein, sagen die Leute. GEGEN OSTDEUTSCHLAND, sage ich spontan. Die Leute, die noch stehen, nicken und sagen, dass man sich heutzutage auch nicht mehr auf die Medien verlassen könne.
Halte eine Rede. Fordere Solidarität mit unseren ostdeutschen Brüdern. Die Leute lieben uns, mein Megafon und mich. Bald sind tausend Menschen da. Und protestieren gegen den Krieg gegen Ostdeutschland. Und machen Sprechchöre. Für das Fernsehen. Ist nämlich auch da.
Sehe mich in den 12 Uhr Nachrichten auf RTL. Mache eine gute Figur, finde ich. Fernsehmensch fragt, woher ich die Motivation nehme. HAB MIR’N MEGAFON GEKAUFT, sage ich. RTL entschuldigt sich für die Bildstörung und bittet um Verständnis.
Mutter ruft an. Hat mich im Fernsehen gesehen. Ist stolz. Hätte mir aber ja mal wenigstens durch die Haare fahren und ein sauberes Hemd anziehen können vorher, sagt sie.
Freunde rufen an. Von denen ich lange nichts mehr gehört habe. Wollen mal wieder was mit mir trinken gehen. Sie hätten da den einen oder anderen Investitionsvorschlag. Auf alte Zeiten, sagen sie. Kann mich nicht erinnern.
Wolfgang Schäuble ruft an. Was ich mir denn dabei gedacht habe, fragt er. Ob mir nicht klar sei, dass ich die innere Sicherheit gefährde, sagt er. Niemand habe vor, einen Krieg gegen Ostdeutschland zu führen. Wie ich denn darauf gekommen sei, fragt er. HAB MIR’N MEGAFON GEKAUFT, erkläre ich. Herr Schäuble redet nicht mehr. Höre ein unverbindliches Röcheln aus dem Hörer. Und Sirenen. Lege auf. War wohl ein Totschlagargument meinerseits.
Gehe in den Wald, nachdenken. Über dies und das. Was ich heute so gemacht habe. Erzähle Wald, DASS ICH MIR’N MEGAFON GEKAUFT HAB. Will Wald nicht wissen und stirbt. Förster klopft sich Blätter vonne Schulter und sagt, er habe gar nicht so schnell mit dem Winter gerechnet. Scheiß Klimawandel, gebe ich zu bedenken. Das könne ich laut sagen, antwortet Förster. Sage es LAUT.
Bringe Förster mit Verdacht auf Tinnitus ins Krankenhaus. Und Freundin Blumen mit. Freut sich. In Gebärdensprache. Stelle ihr Förster vor. Setzen sich mit Gebärdensprache auseinander und verstehen sich auf Anhieb. Fühle mich wie fünftes Rad am Wagen und verlasse traurig das Krankenhaus.
Sehe auf dem Weg nach Hause westdeutsche Soldaten. Munkeln, dass Ostdeutschland eine größere Streitmacht als der Westen habe. Da seien einfach mehr unzufriedene Menschen, die grad nichts vorhätten. Mein Megafon und ich beschließen, morgen noch einmal eine Demo zu organisieren, gegen den Krieg gegen Ostdeutschland. Krieg ist scheiße, denke ich. Findet mein Megafon auch.
Rufe zu Hause erst mal Rouven an. Wie’s mir geht, fragt er. Sage, dass ich mit dem Schreiben und mit dem Bloggen aufhöre. Warum, fragt er. Hab was neues, sage ich. Kommt geiler. HAB MIR’N MEGAFON GEKAUFT.
Bringe Rouven mit Verdacht auf Tinnitus ins Krankenhaus. Muss dann wohl doch alleine weiterbloggen. Freundin nicht mehr da. Rufe sie an. Sie geht nicht ran. Bin ein bisschen traurig. Gehe schlafen. Lege mein Megafon auf das andere Kopfkissen. Ist ja jetzt wohl ein Platz frei geworden. Mein Megafon und ich, ich glaube, wir werden gute Freunde sein.
16 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Lisa (anonym) - 15. Mai, 07:27
Lass mich raten: Bis zum "Freundin misbilligt Megafon" eine komplett wahre Geschichte, oder? Deine Freundin hat mein Beileid ;)
Rouven - 15. Mai, 07:45
Mittlerweile kann ich wieder lesen und tippen. Aus dem Alleine-Bloggen wird nix. Aber gut, wenigstens weiß ich wieder, was der Arzt von mir will, SEIT dem ich ihn mit Gebärden aufgefordert habe, mir alles aufzuschreiben. Ärgere mich, dass wir wieder kommunizieren können, denn die ersten Pillen waren der Wahnsinn. Vielleicht sollte ich ihn weiter anlügen *g*.
Die Auszeit tut gut. Endlich kann ich im Fernsehen alles das gucken, wovon die Leute immer reden.
Aber ich hoffe auf Genesung bis Samstag. Und darauf, dass Du den Text nicht in der Hammer Mühle bringst. Jedenfalls nicht authentisch.
Die Auszeit tut gut. Endlich kann ich im Fernsehen alles das gucken, wovon die Leute immer reden.
Aber ich hoffe auf Genesung bis Samstag. Und darauf, dass Du den Text nicht in der Hammer Mühle bringst. Jedenfalls nicht authentisch.
Jan (anonym) - 15. Mai, 08:08
Äh. Warum leuchten die Haare auf deiner (von mir aus gesehen) linken Kopfseite so? :-0
Lampe (anonym) - 15. Mai, 08:37
Da hängt ein Verwandter von mir, denke ich.
bateman - 15. Mai, 08:35
Also ab jetzt:
Gib mir ein "H", gib mir ein "U", ...! ;)
Jan (anonym) - 15. Mai, 08:38
@bateman:
Yeah!!! :)
Das MUSS er Samstag machen. Wer ist auch dafür? ;)
Das MUSS er Samstag machen. Wer ist auch dafür? ;)
Lampe (anonym) - 15. Mai, 08:39
Carpe Diem 3? Kommt der Mittwoch? Keine Hilsmittel, denk da dran!
tboley (anonym) - 15. Mai, 09:14
MEGAFON
Gut geschrieben und absolut lesenswert. Jetzt muss ich meinen Kollegen im Büro nur noch erklären, wo ich mein Grinsen im Gesicht her habe. Ob ich das mal mittels Megafon versuchen sollte?
b. (anonym) - 15. Mai, 09:26
katze denkt, mann mit megafon spricht wie ich.
Hotzenplotz (anonym) - 15. Mai, 12:15
Katze hat recht.
Aber Selbstmörder war auch da.
Aber Selbstmörder war auch da.
WennschonDennschon (anonym) - 15. Mai, 13:09
Katze muss lernen, dass Mann mit Megafon schon lange vor ihr so gesprochen hat! Katze hat plagiiert!
Rouven - 15. Mai, 22:29
Und Rouven denkt, man kann demnächst nur noch mit reduzierter Syntax slammen. Will er aber nicht.
Nadja (anonym) - 15. Mai, 12:28
Da sitz ich nun und kichere. Eine hübsche Geschichte.
Achtung:
SEHR HÜBSCH.
Achtung:
SEHR HÜBSCH.
Bielefelder Flaneure - 15. Mai, 12:44
Starker Applaus von uns! Und danach die sehr interessierte Frage: Wo kriegt man so ein Megaphon noch gleich?
Marschl (anonym) - 15. Mai, 18:49
Einer der besten Texte, die ich hier von dir gelesen habe! Junge, du rockst! :)
mischa_verollet - 15. Mai, 21:16
Ich muss mal grad rot werden... :) Danke!
Auch an alle anderen!!
Und ich fürchte, dass der irgendwie doch am Samstag zum Einsatz kommt...
HAR HAR HAR :-D
Auch an alle anderen!!
Und ich fürchte, dass der irgendwie doch am Samstag zum Einsatz kommt...
HAR HAR HAR :-D


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