Können Pädophile nix dafür?
Verfasst von mischa_verollet am 2. Mai, 00:05
Am 6. Mai kommt es zwischen Ségo und Sarko zur Stichwahl. Vor einigen Wochen sorgte Sarkozy mit der Aussage für Empörung, er halte Pädophilie für angeboren, für eine Krankheit, die nicht heilbar ist. Aber was sagt die Psychologin zu diesem diffizilen Thema? Ich habe eine Bielefelder Bloggerin, die Psychologie mit dem Ziel Sexualtherapeutik studiert, nach ihrer Meinung gefragt und ihr zehn Fragen gestellt. Denn: Ich hatte bis dato eine vorgefertigte Meinung zum Thema Pädophilie, die ich durchaus für die Richtige hielt. Aber ix meinte letztens, er wolle mehr "zweifel, ironie, brüche, neugier, ahnungslosigkeit, distanz" in deutschen Blogs lesen. Bitteschön. Zehn neugierige, ahnungslose und zweifelnde Fragen im E-Mail-Interview:
1) Sarkozy behauptete jüngst, Pädophilie sei angeboren, eine genetische Vorherbestimmung. Wissenschaftlich ist das allerdings nicht abschließend geklärt. Wie beurteilst du seine Aussage?
Die bisherigen Studienergebnisse deuten darauf hin, dass es zumindest keine spezifische genetische Komponente gibt, die als ursächlich für Pädophilie angesehen wird. Diskutiert wird eine eher unspezifische genetische Komponente, die solche Menschen für eine sexuell abweichende Entwicklung empfindlich machen.
Das heißt die genetischen Einflüsse lösen nicht automatisch eine Pädophilie (oder einen sexuellen Sadismus, Fetischismus etc) aus, denn ob diese Menschen sich abweichend entwickeln hängt ganz entscheidend auch von Umweltfaktoren ab. Umstände die negativen Einfluss haben und somit dafür sorgen können, dass aus einer erhöhten Empfindlichkeit tatsächlich eine sexuelle Abweichung wird, sind zum Beispiel Vernachlässigung und Misshandlungen in der eigenen Kindheit; und auch selbst erlebtem Missbrauch wird von einigen Forschern ein starker Einfluss zugesprochen.
Von „Vorherbestimmung“ kann also nicht gesprochen werden.
2) Spinnt man Sarkozys Argumentation weiter, müsste man ja glatt davon ausgehen, dass Pädophile nichts für ihre Taten können. Ein Fall von verminderter Schuldfähigkeit also?
Auch ohne das Vorliegen eines angeborenen Defekts als Ursache der Pädophilie, ist es möglich bei Pädophilie auf verminderte Schuldfähigkeit zu erkennen. Hierfür gibt es in dem entsprechenden Paragraphen den Begriff der „schweren anderen seelischen Abartigkeit“, bei dem zur Bestimmung der Schuldfähigkeit nicht gefragt wird, ob eine körperliche Ursache dem strafbaren Verhalten zugrunde liegt, sondern ob die Persönlichkeitsentwicklung des Täters so abweichend ist, dass der Täter bei der Begehung der Tat gar nicht anders handeln konnte, weil er zum Beispiel notwendige soziale Kompetenzen vielleicht nie erlernt hat.
3) Das macht es für Angehörige des Opfers nicht leichter oder besser. Was würdest du den Eltern des Opfers eines Sexualverbrechens sagen: Warum musste ihr Kind sterben?
Ich glaube für die Eltern ist es wenig tröstlich zu wissen, welche Störung der Täter hatte, der ihr Kind getötet hat. Insofern weiß ich da auch keine gute allgemein gültige Antwort.
Ähnlich aber wie du mit dieser Frage in einem Interview zu Pädophilie, setzen auch die meisten anderen Menschen Pädophilie mit Gewalt dem Kind gegenüber gleich. Dies ist aber nicht zutreffend. Die meisten Pädophilen haben neben einem sexuellen Interesse, das oft nicht einmal den Geschlechtsverkehr mit einschließt, den Wunsch eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen.
Tötung zum Lustgewinn ist kein Merkmal einer Pädophilie, sondern einer schweren Form des sexuellen Sadismus. Das beantwortet zwar nicht die Frage, finde ich aber in dem Zusammenhang wichtig zu erwähnen.
4) Kann man Pädophile wirklich therapieren?
Pädophile, die ausschließlich Kinder präferieren, werden ihre Präferenz aufgrund einer Therapie nicht ändern: Genau so wenig wie wir uns vorstellen können, plötzlich ein anderes Geschlecht anziehend zu finden, können Pädophile sich plötzlich für Erwachsene begeistern.
Wichtig ist deshalb das Training eines verantwortungsvollen Umgangs mit ihrer Krankheit, so dass erste Übergriffe oder Rückfälle verhindert werden. Zum Beispiel indem der Täter risikoreiche Situationen vermeidet und Strategien entwickelt, die ihn in Stresssituationen ablenken, so dass es nicht zum Missbrauch kommt.
5) Warum ist dann die Rückfallquote so hoch? Und wie kann es sein, dass wie im Falle des Mitja-Mörders jemand mehrfach die Chance bekommt, seiner perversen Neigung nachzugehen und dann auch noch an einer Schule arbeiten darf? An welcher Stelle wurde hier versagt?
Werden Therapieprogramme angewendet, die ein so genanntes Rückfallmodul enthalten, in dem Kompetenzen erlernt werden, wie ich sie zuvor schon kurz beschrieben habe (Risikosituationen vermeiden, adäquatere Problemlösestrategien anwenden etc.) liegt die Rückfallquote noch bei 8,1%, das heißt über 90% der Täter werden nicht mehr rückfällig.
Jetzt werden viele sagen: „Jeder Rückfall ist einer zuviel“, aber dabei ist es immer wichtig zu sehen, dass bei 100 Tätern 92 Personen, die nicht mehr rückfällig werden würden, im Vollzug bleiben müssten, damit 8 Rückfälle verhindert werden können. Das ist meiner Ansicht nach nicht zu tolerieren, da wir in einem Rechtsstaat leben, in dem man Menschen, deren Risiko als sehr gering eingestuft wird, nicht aufgrund des Risikos, das von einem Bruchteil dieser Gruppe weiter ausgeht, festhalten kann.
Der Mitja-Mörder hat in der Vergangenheit nur begrenzte Haftstrafen bekommen. Inwiefern während der Haft eine Therapie durchgeführt wurde kann ich nicht sagen. Generell bekommt aber nur ein Teil der Straftäter im Gefängnis die Gelegenheit an der so genannten Sozialtherapie teilzunehmen, so dass viele nach ihrer Haftzeit entlassen werden, ohne etwas dazu gelernt zu haben und demnach in dieselben Verhaltensmuster wie vor der Haft verfallen. Das sehe schätze auch ich als sehr problematisch ein.
6) Man hat in Deutschland zuweilen das Gefühl, dass der Täterschutz über den des Opfers gestellt wird. Teilst du diese Einschätzung?
Nein, da bin ich anderer Ansicht. Denn die Beschäftigung mit Tätern ist der wirksamste Opferschutz: Da wir in einem Rechtsstaat leben, kann man, wie ich oben bereits anmerkte, jemanden der ein Kind missbraucht hat (den seltenen Fall der Tötung jetzt mal ausgenommen) eben nicht ohne besondere Begründung ewig wegsperren. Und wenn während einer Haft nichts passiert, dem Täter also keine neuen Kompetenzen an die Hand gegeben werden, wie er mit seinen Wünschen sozial adäquat umgehen kann, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er in Freiheit wieder in die gleichen Verhaltensmuster zurückfällt.
Außerdem muss man immer auch auf die Biographie dieser Täter schauen. Oft steht eine harte Kindheit und Jugend vor den ersten sexuellen Übergriffen. Und ich denke, man kann nicht heute missbrauchte, misshandelte und vernachlässigte Kinder bemitleiden und die Sexualstraftäter, die aus diesen dann in einigen Fällen werden als „Monster“ etc beschimpfen und lediglich wegsperren.
Der emotionale Wunsch, den Täter lediglich zu bestrafen und ihm deshalb eine Therapie zu verweigern hilft niemandem.
7) Meine subjektive und emotionale Meinung: Bezogen auf den Mitja-Fall als Beispiel gehören die Verantwortlichen, die ihn nach mehrfacher Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs als geheilt entließen – Psychologen wie Richter – wegen fahrlässiger Tötung belangt!
Nach dem was ich bisher gelesen habe, hat der Mörder von Mitja wiederholt zeitlich begrenzte Gefängnisstrafen bekommen, es bestand also gar keine Veranlassung, über eventuelle Heilung zu entscheiden. Wenn lediglich „weggeschlossen“ wird, beinhaltet das eben nicht, dass der Täter Einsicht zeigen muss, bevor er wieder entlassen wird, er muss lediglich seine Zeit absitzen.
Nur wenn Uwe K. im Maßregelvollzug gewesen wäre, hätte eine entsprechende Begutachtung stattfinden müssen und er hätte nur auf richterlichen Beschluss hin entlassen werden können. Eine Entlassung erfolgt demnach dann, „wenn nach §67d zu erwarten ist, dass der Untergebrachte außerhalb des Maßregelvollzugs keine rechtswidrigen Taten mehr begehen wird“.
8) Laut Telepolis leiden viele pädophile Männer unter ihrer sexuellen Neigung, u.a. auch, weil sie die öffentliche Meinung darüber selber teilen. Allerdings ist die Behandlung partnerschaftlicher und sexueller Störungen explizit von der Kostenübernahme der Kassen ausgeschlossen, zudem trauen sich manche gar nicht, nach Hilfe zu fragen. Ein Fehler, da hier durchaus ein Prophylaxe-Ansatz zu finden wäre. Wie kann man diesen Männern helfen?
Auch ich sehe hier ein Problem und das besonders in dem Bild von Pädophilen in der Bevölkerung. Solange Pädophilie derart geächtet wird, finden sich nur wenige potentielle Träger von Projekten zur Missbrauchsprävention und werden sich auch nur wenige Männer trauen, entsprechende Angebote aufzusuchen, da sie bei Entdeckung der gesellschaftliche Ruin erwartet.
Die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Pädophilen, die gegen ihre Neigung ankämpfen, muss sich also verändern, damit solche Projekte auch in der restlichen Bevölkerung Zuspruch finden und den Betroffenen so die Teilnahme erleichtert wird.
Ich finde, wer auf das Ausleben seiner Sexualität komplett verzichtet, um die potentiellen Opfer nicht zu schädigen und sich dafür Hilfe sucht, verdient Anerkennung und keine gesellschaftliche Ausgrenzung.
9) Das Gegenteil von Nicolas Sarkozy sind Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck (Bündnis 90/Die Grüne). Ersterer erzählt in seinem Buch „Der große Basar (Trikont Verlag) von seinen (fiktiven?) sexuellen Erfahrungen mit Kindern*: „Manchmal kam es vor, daß die kleinen Kinder mir die Hose aufgeknöpft haben, und angefangen haben, mich zu streicheln. Wenn die Kinder darauf bestanden, hab ich sie auch gestreichelt...“ Volker Beck forderte 1988 allen Ernstes die „Entkriminalisierung von Kindersex“, wollte das Schutzalter von 14 Jahren zur Disposition stellen und eine Strafabsehensklausel einführen. Im Ernst: Mich macht so etwas wütend. Wie siehst du das? Und was sagst du jemandem, der die „Schädigung eines Kindes durch sexuelle Kontakte mit einem Erwachsenen“ in Frage stellt?
Wenn jemand fordert, das Schutzalter von 14 Jahren abzusenken, dann wohl in dem Licht, dass Kinder heute früher in die Pubertät kommen und bereits sehr jung schon reif wirken.
„Lag das Durchschnittsalter bei deutschen Mädchen zum Zeitpunkt der ersten Periode im Jahr 1860 noch bei 16,6 Jahren, verschob sich dieses Alter in den folgenden Jahren kontinuierlich nach vorn: 1920 lag es bei 14,6 Jahren, 1950 bei 13,1 Jahren und 1980 bei 12,5 Jahren. Für 1994 konnten Wissenschaftler ein Durchschnittsalter von 12,2 Jahren ermitteln.“ Damit können Probleme im Grenzbereich entstehen, in der Form, dass ein 20jähriger vorschnell als pädophil gilt, weil er eine sexuelle Beziehung zu einer 13järigen hat. Ich glaube nicht, dass jemand sexuellen Handlungen von Erwachsenen mit zum Beispiel 8jährigen Vorschub leisten will.
In der Diskussion über Pädophilie ist demnach meiner Ansicht nach ohnehin weniger auf das Alter als auf die körperliche Reife abzustellen. Denn der überwiegende Teil der Pädophilen fühlt sich ja gerade deshalb zu Kindern hingezogen, weil diese auch körperlich auch noch wie Kinder aussehen. Meist erlischt das Interesse mit dem Eintritt in die Pubertät.
Die Auswirkungen sexuellen Missbrauchs sind nicht einheitlich. Auch hier haben wiederum weitere Umweltfaktoren und die Art und Dauer des Missbrauchs einen Einfluss. Dennoch sind sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern auch ohne den Verweis auf die Folgen von Missbräuchen abzulehnen, da sie den in unserer Gesellschaft geltenden Anspruch, dass alles erlaubt ist, was in gegenseitigem Einvernehmen stattfindet, nicht erfüllen. Dies ist nicht deshalb der Fall, weil Kinder die verlangten Handlungen ablehnen, sondern weil die Einschätzung der Situation zwischen Kindern und Erwachsenen differiert. Das Kind sieht in den Handlungen nicht den gleichen sexuellen Akt wie der Erwachsene. Für es ist es möglicherweise nur ein Gefallen für zuvor erhaltene Geschenke und ein Ausnutzen dieser Zuwendung für die eigene sexuelle Befriedigung stellt eine Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung des Kindes dar.
10) Mal eine dumme Frage zum Abschluss: Gibt es auch pädophile Frauen? Oder ist das ausschließlich ein „Männer-Problem“?
Studien haben ergeben, dass ungefähr bei 10 - 30% der sexuellen Missbräuche Frauen die Täterinnen sind. Von diesen erfüllen die meisten die Kriterien für Pädophilie.
Hier ist allerdings von einer noch größeren Dunkelziffer auszugehen, als dies bei Männern der Fall ist, da Jungen als Opfer weiblicher Täter in weitaus selteneren Fällen den Missbrauch zu Anzeige bringen.
Danke für das Interview!
+++
* Daniel Cohn-Bendit distanzierte sich später in einer Fernsehsendung zum Teil von dieser Aussage, und will sein damaliges Werk ausschließlich als Diskussionsgrundlage verstanden wissen. Ein fader Beigeschmack bleibt. Denn in Sachen Pädophilie gibt es nichts zu diskutieren. Sie ist falsch. Punkt, aus.
Anbei noch der Quellennachweis:
Fegert (2004): Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch, in: Eggers, Fegert und Resch (Hrsg): Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalter, S.508-511
Schmidt (1999): Über die Tragik pädophiler Männer, in: Zeitschrift für Sexualforschung 12, S.133-139
Fiedler (2007): Störungen der Sexualpräferenz, in: Rohde und Marneros: Geschlechtsspezifische Psychiatrie und Psychotherapie, S.247-257
Briken, Hill und Berner (2006): Paraphilien und Sexualdelinquenz: Neurobiologische und neurophysiologische Aspekte, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 19, S.295-314
Fiedler (2004): Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung, S.414-466
1) Sarkozy behauptete jüngst, Pädophilie sei angeboren, eine genetische Vorherbestimmung. Wissenschaftlich ist das allerdings nicht abschließend geklärt. Wie beurteilst du seine Aussage?
Die bisherigen Studienergebnisse deuten darauf hin, dass es zumindest keine spezifische genetische Komponente gibt, die als ursächlich für Pädophilie angesehen wird. Diskutiert wird eine eher unspezifische genetische Komponente, die solche Menschen für eine sexuell abweichende Entwicklung empfindlich machen.
Das heißt die genetischen Einflüsse lösen nicht automatisch eine Pädophilie (oder einen sexuellen Sadismus, Fetischismus etc) aus, denn ob diese Menschen sich abweichend entwickeln hängt ganz entscheidend auch von Umweltfaktoren ab. Umstände die negativen Einfluss haben und somit dafür sorgen können, dass aus einer erhöhten Empfindlichkeit tatsächlich eine sexuelle Abweichung wird, sind zum Beispiel Vernachlässigung und Misshandlungen in der eigenen Kindheit; und auch selbst erlebtem Missbrauch wird von einigen Forschern ein starker Einfluss zugesprochen.
Von „Vorherbestimmung“ kann also nicht gesprochen werden.
2) Spinnt man Sarkozys Argumentation weiter, müsste man ja glatt davon ausgehen, dass Pädophile nichts für ihre Taten können. Ein Fall von verminderter Schuldfähigkeit also?
Auch ohne das Vorliegen eines angeborenen Defekts als Ursache der Pädophilie, ist es möglich bei Pädophilie auf verminderte Schuldfähigkeit zu erkennen. Hierfür gibt es in dem entsprechenden Paragraphen den Begriff der „schweren anderen seelischen Abartigkeit“, bei dem zur Bestimmung der Schuldfähigkeit nicht gefragt wird, ob eine körperliche Ursache dem strafbaren Verhalten zugrunde liegt, sondern ob die Persönlichkeitsentwicklung des Täters so abweichend ist, dass der Täter bei der Begehung der Tat gar nicht anders handeln konnte, weil er zum Beispiel notwendige soziale Kompetenzen vielleicht nie erlernt hat.
3) Das macht es für Angehörige des Opfers nicht leichter oder besser. Was würdest du den Eltern des Opfers eines Sexualverbrechens sagen: Warum musste ihr Kind sterben?
Ich glaube für die Eltern ist es wenig tröstlich zu wissen, welche Störung der Täter hatte, der ihr Kind getötet hat. Insofern weiß ich da auch keine gute allgemein gültige Antwort.
Ähnlich aber wie du mit dieser Frage in einem Interview zu Pädophilie, setzen auch die meisten anderen Menschen Pädophilie mit Gewalt dem Kind gegenüber gleich. Dies ist aber nicht zutreffend. Die meisten Pädophilen haben neben einem sexuellen Interesse, das oft nicht einmal den Geschlechtsverkehr mit einschließt, den Wunsch eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen.
Tötung zum Lustgewinn ist kein Merkmal einer Pädophilie, sondern einer schweren Form des sexuellen Sadismus. Das beantwortet zwar nicht die Frage, finde ich aber in dem Zusammenhang wichtig zu erwähnen.
4) Kann man Pädophile wirklich therapieren?
Pädophile, die ausschließlich Kinder präferieren, werden ihre Präferenz aufgrund einer Therapie nicht ändern: Genau so wenig wie wir uns vorstellen können, plötzlich ein anderes Geschlecht anziehend zu finden, können Pädophile sich plötzlich für Erwachsene begeistern.
Wichtig ist deshalb das Training eines verantwortungsvollen Umgangs mit ihrer Krankheit, so dass erste Übergriffe oder Rückfälle verhindert werden. Zum Beispiel indem der Täter risikoreiche Situationen vermeidet und Strategien entwickelt, die ihn in Stresssituationen ablenken, so dass es nicht zum Missbrauch kommt.
5) Warum ist dann die Rückfallquote so hoch? Und wie kann es sein, dass wie im Falle des Mitja-Mörders jemand mehrfach die Chance bekommt, seiner perversen Neigung nachzugehen und dann auch noch an einer Schule arbeiten darf? An welcher Stelle wurde hier versagt?
Werden Therapieprogramme angewendet, die ein so genanntes Rückfallmodul enthalten, in dem Kompetenzen erlernt werden, wie ich sie zuvor schon kurz beschrieben habe (Risikosituationen vermeiden, adäquatere Problemlösestrategien anwenden etc.) liegt die Rückfallquote noch bei 8,1%, das heißt über 90% der Täter werden nicht mehr rückfällig.
Jetzt werden viele sagen: „Jeder Rückfall ist einer zuviel“, aber dabei ist es immer wichtig zu sehen, dass bei 100 Tätern 92 Personen, die nicht mehr rückfällig werden würden, im Vollzug bleiben müssten, damit 8 Rückfälle verhindert werden können. Das ist meiner Ansicht nach nicht zu tolerieren, da wir in einem Rechtsstaat leben, in dem man Menschen, deren Risiko als sehr gering eingestuft wird, nicht aufgrund des Risikos, das von einem Bruchteil dieser Gruppe weiter ausgeht, festhalten kann.
Der Mitja-Mörder hat in der Vergangenheit nur begrenzte Haftstrafen bekommen. Inwiefern während der Haft eine Therapie durchgeführt wurde kann ich nicht sagen. Generell bekommt aber nur ein Teil der Straftäter im Gefängnis die Gelegenheit an der so genannten Sozialtherapie teilzunehmen, so dass viele nach ihrer Haftzeit entlassen werden, ohne etwas dazu gelernt zu haben und demnach in dieselben Verhaltensmuster wie vor der Haft verfallen. Das sehe schätze auch ich als sehr problematisch ein.
6) Man hat in Deutschland zuweilen das Gefühl, dass der Täterschutz über den des Opfers gestellt wird. Teilst du diese Einschätzung?
Nein, da bin ich anderer Ansicht. Denn die Beschäftigung mit Tätern ist der wirksamste Opferschutz: Da wir in einem Rechtsstaat leben, kann man, wie ich oben bereits anmerkte, jemanden der ein Kind missbraucht hat (den seltenen Fall der Tötung jetzt mal ausgenommen) eben nicht ohne besondere Begründung ewig wegsperren. Und wenn während einer Haft nichts passiert, dem Täter also keine neuen Kompetenzen an die Hand gegeben werden, wie er mit seinen Wünschen sozial adäquat umgehen kann, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er in Freiheit wieder in die gleichen Verhaltensmuster zurückfällt.
Außerdem muss man immer auch auf die Biographie dieser Täter schauen. Oft steht eine harte Kindheit und Jugend vor den ersten sexuellen Übergriffen. Und ich denke, man kann nicht heute missbrauchte, misshandelte und vernachlässigte Kinder bemitleiden und die Sexualstraftäter, die aus diesen dann in einigen Fällen werden als „Monster“ etc beschimpfen und lediglich wegsperren.
Der emotionale Wunsch, den Täter lediglich zu bestrafen und ihm deshalb eine Therapie zu verweigern hilft niemandem.
7) Meine subjektive und emotionale Meinung: Bezogen auf den Mitja-Fall als Beispiel gehören die Verantwortlichen, die ihn nach mehrfacher Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs als geheilt entließen – Psychologen wie Richter – wegen fahrlässiger Tötung belangt!
Nach dem was ich bisher gelesen habe, hat der Mörder von Mitja wiederholt zeitlich begrenzte Gefängnisstrafen bekommen, es bestand also gar keine Veranlassung, über eventuelle Heilung zu entscheiden. Wenn lediglich „weggeschlossen“ wird, beinhaltet das eben nicht, dass der Täter Einsicht zeigen muss, bevor er wieder entlassen wird, er muss lediglich seine Zeit absitzen.
Nur wenn Uwe K. im Maßregelvollzug gewesen wäre, hätte eine entsprechende Begutachtung stattfinden müssen und er hätte nur auf richterlichen Beschluss hin entlassen werden können. Eine Entlassung erfolgt demnach dann, „wenn nach §67d zu erwarten ist, dass der Untergebrachte außerhalb des Maßregelvollzugs keine rechtswidrigen Taten mehr begehen wird“.
8) Laut Telepolis leiden viele pädophile Männer unter ihrer sexuellen Neigung, u.a. auch, weil sie die öffentliche Meinung darüber selber teilen. Allerdings ist die Behandlung partnerschaftlicher und sexueller Störungen explizit von der Kostenübernahme der Kassen ausgeschlossen, zudem trauen sich manche gar nicht, nach Hilfe zu fragen. Ein Fehler, da hier durchaus ein Prophylaxe-Ansatz zu finden wäre. Wie kann man diesen Männern helfen?
Auch ich sehe hier ein Problem und das besonders in dem Bild von Pädophilen in der Bevölkerung. Solange Pädophilie derart geächtet wird, finden sich nur wenige potentielle Träger von Projekten zur Missbrauchsprävention und werden sich auch nur wenige Männer trauen, entsprechende Angebote aufzusuchen, da sie bei Entdeckung der gesellschaftliche Ruin erwartet.
Die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Pädophilen, die gegen ihre Neigung ankämpfen, muss sich also verändern, damit solche Projekte auch in der restlichen Bevölkerung Zuspruch finden und den Betroffenen so die Teilnahme erleichtert wird.
Ich finde, wer auf das Ausleben seiner Sexualität komplett verzichtet, um die potentiellen Opfer nicht zu schädigen und sich dafür Hilfe sucht, verdient Anerkennung und keine gesellschaftliche Ausgrenzung.
9) Das Gegenteil von Nicolas Sarkozy sind Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck (Bündnis 90/Die Grüne). Ersterer erzählt in seinem Buch „Der große Basar (Trikont Verlag) von seinen (fiktiven?) sexuellen Erfahrungen mit Kindern*: „Manchmal kam es vor, daß die kleinen Kinder mir die Hose aufgeknöpft haben, und angefangen haben, mich zu streicheln. Wenn die Kinder darauf bestanden, hab ich sie auch gestreichelt...“ Volker Beck forderte 1988 allen Ernstes die „Entkriminalisierung von Kindersex“, wollte das Schutzalter von 14 Jahren zur Disposition stellen und eine Strafabsehensklausel einführen. Im Ernst: Mich macht so etwas wütend. Wie siehst du das? Und was sagst du jemandem, der die „Schädigung eines Kindes durch sexuelle Kontakte mit einem Erwachsenen“ in Frage stellt?
Wenn jemand fordert, das Schutzalter von 14 Jahren abzusenken, dann wohl in dem Licht, dass Kinder heute früher in die Pubertät kommen und bereits sehr jung schon reif wirken.
„Lag das Durchschnittsalter bei deutschen Mädchen zum Zeitpunkt der ersten Periode im Jahr 1860 noch bei 16,6 Jahren, verschob sich dieses Alter in den folgenden Jahren kontinuierlich nach vorn: 1920 lag es bei 14,6 Jahren, 1950 bei 13,1 Jahren und 1980 bei 12,5 Jahren. Für 1994 konnten Wissenschaftler ein Durchschnittsalter von 12,2 Jahren ermitteln.“ Damit können Probleme im Grenzbereich entstehen, in der Form, dass ein 20jähriger vorschnell als pädophil gilt, weil er eine sexuelle Beziehung zu einer 13järigen hat. Ich glaube nicht, dass jemand sexuellen Handlungen von Erwachsenen mit zum Beispiel 8jährigen Vorschub leisten will.
In der Diskussion über Pädophilie ist demnach meiner Ansicht nach ohnehin weniger auf das Alter als auf die körperliche Reife abzustellen. Denn der überwiegende Teil der Pädophilen fühlt sich ja gerade deshalb zu Kindern hingezogen, weil diese auch körperlich auch noch wie Kinder aussehen. Meist erlischt das Interesse mit dem Eintritt in die Pubertät.
Die Auswirkungen sexuellen Missbrauchs sind nicht einheitlich. Auch hier haben wiederum weitere Umweltfaktoren und die Art und Dauer des Missbrauchs einen Einfluss. Dennoch sind sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern auch ohne den Verweis auf die Folgen von Missbräuchen abzulehnen, da sie den in unserer Gesellschaft geltenden Anspruch, dass alles erlaubt ist, was in gegenseitigem Einvernehmen stattfindet, nicht erfüllen. Dies ist nicht deshalb der Fall, weil Kinder die verlangten Handlungen ablehnen, sondern weil die Einschätzung der Situation zwischen Kindern und Erwachsenen differiert. Das Kind sieht in den Handlungen nicht den gleichen sexuellen Akt wie der Erwachsene. Für es ist es möglicherweise nur ein Gefallen für zuvor erhaltene Geschenke und ein Ausnutzen dieser Zuwendung für die eigene sexuelle Befriedigung stellt eine Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung des Kindes dar.
10) Mal eine dumme Frage zum Abschluss: Gibt es auch pädophile Frauen? Oder ist das ausschließlich ein „Männer-Problem“?
Studien haben ergeben, dass ungefähr bei 10 - 30% der sexuellen Missbräuche Frauen die Täterinnen sind. Von diesen erfüllen die meisten die Kriterien für Pädophilie.
Hier ist allerdings von einer noch größeren Dunkelziffer auszugehen, als dies bei Männern der Fall ist, da Jungen als Opfer weiblicher Täter in weitaus selteneren Fällen den Missbrauch zu Anzeige bringen.
Danke für das Interview!
+++
* Daniel Cohn-Bendit distanzierte sich später in einer Fernsehsendung zum Teil von dieser Aussage, und will sein damaliges Werk ausschließlich als Diskussionsgrundlage verstanden wissen. Ein fader Beigeschmack bleibt. Denn in Sachen Pädophilie gibt es nichts zu diskutieren. Sie ist falsch. Punkt, aus.
Anbei noch der Quellennachweis:
Fegert (2004): Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch, in: Eggers, Fegert und Resch (Hrsg): Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalter, S.508-511
Schmidt (1999): Über die Tragik pädophiler Männer, in: Zeitschrift für Sexualforschung 12, S.133-139
Fiedler (2007): Störungen der Sexualpräferenz, in: Rohde und Marneros: Geschlechtsspezifische Psychiatrie und Psychotherapie, S.247-257
Briken, Hill und Berner (2006): Paraphilien und Sexualdelinquenz: Neurobiologische und neurophysiologische Aspekte, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 19, S.295-314
Fiedler (2004): Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung, S.414-466
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