Oetkergate?


Da Kollege Rouven mit Recht anmerkte, dass er langsam den Überblick über den Schleichwerbungsverdacht in der NW verliere, ist es Zeit für eine Zusammenfassung der Positionen, zu mal das Interesse am Thema nach wie vor nicht abreißt. (Aktualisiert SO, 15.4.2007)

Auch der von mir sehr geschätzte Rob Vegas äußert sich im Mindtime-Blog zum Thema:

"Ich persönlich finde es lächerlich. Lieber sehe ich die Meldung “Oetker macht jetzt in BIO” als “Oetker entlässt 500 Mitarbeiter in OWL”…da haben wir hier einmal einen großen Industriekonzern wie Oetker mit weltweitem Erfolg vorzuweisen und dann fällt man über so eine lapidare Meldung her."

Lieber Rob, du verfehlst das Thema. Wir kreiden mitnichten eine positive Unternehmensberichterstattung an. Ziel meiner Kritik ist es, Aufmerksamkeit für die kommerzielle Unterminierung klassischer Medien zu wecken. Es geht mir in keinster Weise um einen Kleinkrieg oder um die Diskreditierung einer von mir sonst sehr gern gelesenen Zeitung. Auch eine Neue Westfälische, die sich immerhin mit dem Anspruch einer Spitzenzeitung am Markt positioniert, muss merken, dass sie mündige Leser hat, die sich nicht für dumm verkaufen lassen. Wie du meinen Kommentaren entnehmen kannst, geht es nicht um Oetker. Es geht um übertriebene Produktverkaufsförderung in einem journalistischen Kontext. Im Übrigen, lieber Rob, halte ich es für sehr bedenklich, wenn ein prominenter Medienmensch den kritischen Umgang mit ebenjenen Medien als "lächerlich" bezeichnet. Auf idealistisch könnten wir uns einigen.

Thomas Boley schreibt in seinem Blog Jehnseits vom Wahnsinn:

"Mit qualitativem Journalismus hat dass jedenfalls nichts zu tun, aber da sind wir dann wieder bei dem anfänglichen Vergleich von Pizza und Zeitungen. Auch wenn die ganze Sache wohl eher ungeschickt als tatsächlich von Oetker bezahlt wurde, so scheint doch das folgende Zitat zumindest ein Wenig zu passen: Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt welche Musik gespielt wird (Berthold in Stromberg)" Im den Kommentaren zum Artikel im sparrenblog selber hat sich auch Lothar Schmalen, Lokalchef der NW, geäußert. Süffisant ist sein Aufforderung: "Leute, bitte künftig einmal kurz nachdenken, bevor ihr die NW-Lokalredaktion für dümmer verkauft als sie ist." Auf die Idee, die Lokalredation für dümmer zu verkaufen, als sie ist, ist tatsächlich noch keiner gekommen. Allerdings sollte die NW auch nicht versuchen, ihre Leser für dumm zu verkaufen, denn denen fällt schon auf, wenn schamlos für ein Produkt geworben wird statt zu informieren."

Herm bemängelt die Schleichwerbung in "Mr. Bean macht Ferien", findet es aber viel schlimmer, dass

"die Schleichwerbung nicht nur im Unterhaltungsfilm bleibt, sondern auch in der Tageszeitung auftaucht und das nicht gerade irgendwo nebenbei. Wie das aussehen kann wird hier [ie. sparrenblog] bestens gezeigt und auch in Bielefeld wird klar, dass von so manchem Blog eben doch weitaus mehr ausgehen kann als nur, ja was eigentlich?"

Auch das Bielefeld-Blog war schnell mit der Kritik dabei:

"Ach, NW, hast du das nötig?"

Die Bielefelder Flaneure verweisen in ihrem Bericht über eine Pizzeria auf den NW-Artikel:

"Salami, Schinken und Champignons sorgen für kräftig-rustikales Aroma. Die dünne Schicht cremig gerührter Tomatensauce legt eine Spur lieblicher Süße darüber. Was nach banalem Werbeschwafel klingt, ist redaktioneller O-Ton Neue Westfälische. Wir können’s kaum glauben, aber tatsächlich schleimt uns unsere gelegentliche Frühstückszeitung in großer Aufmachung mit PR-Gesülze für die Industriepizza einer Bielefelder Frostfoodfirma voll. Diese Peinlichkeitsveranstaltung (PR statt Journalismus in einer Bezahlzeitung) haben die klugen Leute vom Sparrenblog ultimativ gewürdigt, und wie versucht sich der lokale NW-Chef aus der Affaire zu reden? „Bielefelds einzige Weltfirma erwirtschaftet mit Pizza weltweit 500 Millionen (!) Euro“. Also Quantität statt Qualitiät, Geld statt Kochkunst. Ok, soweit der Neue Westfälische Gusto in Sachen Pizza (und Journalismus)."

Und Dominik Schwarz erinnert in seinem Blog wie in seinen Kommentaren hier einfach nur an den Pressekodex, der unter anderem besagt:

"Schleichwerbung oder Placement ist die Integration des Namens, des Produktes, der Verpackung, der Dienstleistung oder des Logos eines Markenartikels oder eines Unternehmens in den Massenmedien, ohne dass der Rezipient dies als Werbung erkennt oder störend empfindet. Die Möglichkeiten reichen von Film und Fernsehen über Veranstaltungen bis zum redaktionellen Teil von Zeitungen. Schleichwerbung umgeht somit die Positionierung des Produktes im bezahlten Anzeigenraum."

Was sagt die NW? Lokalchef Lothar Schmalen rechtfertigt sich etwas fad:

"Was bitte schön soll denn eigentlich sonst unsere journalistische Aufgabe sein, wenn nicht zu beobachten, zu analysen und darüber zu berichten, wie die Firma Oetker mit ihrem bei weitem wichtigsten Produkt umgeht?? Leute, bitte künftig einmal kurz nachdenken, bevor ihr die NW-Lokalredaktion für dümmer verkauft als sie ist."

Ich freue mich zwar über Ihre Beteiligung, aber wie die danach folgenden Kommentare der Leser zeigen, kann man vom Chefredakteur ein wenig mehr erwarten, oder? Dafür springt Cos in die Bresche:

"Die Form (@Dominik Schwarz: D'accord, weitgehend) ist vielleicht nicht die kreativste, vielleicht strotzt das Gesamtwerk auch nicht vor journalistischer Substanz und texthandwerklicher Finesse."

Und Jan findet es "halb so schlimm".

Der überwiegende Teil der Leser aber kritisiert die NW aber auf's Heftigste. Und das, wie ich finde, mit Recht.

Spam schreibt:

"Hier hat der geneigte Leser aufgrund der Darstellung des Firmenlogos an prominenter Stelle und der 1:1-Übernahme von Marketing-Blabla eindeutig den Eindruck, es handele sich um Werbung. Für den Leser und Verbraucher wichtige Informationen fehlen hingegen.

Natürlich darf eine Bielefelder Zeitung über neue Produkte eines Bielefelder Grossunternehmens berichten. Allerdings darf man hierfür nicht nur die Werbebroschüre des Unternehmens als Informationsquelle nutzen und diese einfach abschreiben. Echte Journalisten holen sich ihr Informationen aus mehreren verschiedenen Quellen und schreiben daraus den Artikel selbst."


Ein anderer:

"Die Schönheit der neuen Pizzakäme viel besser rüber, wenn sie dem Leser/Konsumenten nicht in der Verkaufsverpackung hingehalten worden wäre ("sieh her, danach musst du im Supermarkt schauen!").
Darüber hinaus gebe ich 'cos' recht: Das Oetker-Marketing hat einfach versäumt, dem Produkt eine gute Geschichte mitzugeben.
Das Fehlen dieser berichtenswerten Story hat aber die NW nicht abgehalten, der Produktpräsentation eine Aufmacherplatzierung zu geben."


Stefanie fügt hinzu:

"Hofberichterstattung... Ja, der Firma Oetker wird in Bielefeld der der Hof gemacht. Bis hin zur Aussage, Oetker sei Bielefelds einzige Weltfirma? Herr Schmalen, wo ordnen sie denn dann beispielsweise die Unternehmen Schüco (nach eigenen Angaben 4.600 Mitarbeiter und 12.000 Partnerbetriebe in über 70 Ländern), Gildemeister (nach Unternehmensangaben mehr als 5.000 Mitarbeiter in 59 konzerneigenen Vertriebs- und Servicegesellschaften in 28 Ländern) ein? Ja ja..."

Und Kurt verweist sogar auf die echte Pressemeldung, die weitere Zweifel ausräumt: Die NW hat ihre journalistische Sorgfaltspflicht verletzt.

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