Freitag, 13. April 2007

Ihr kriegt uns hier nicht raus!


Ich gebe zu, ich kann mit dem Konstrukt Kirche nicht viel anfangen. Und wenn, dann in Form eines Fußballstadions. Dennoch haben die Hausbesetzer der Paul-Gerhardt-Gemeinde meine vollste Sympathie und moralische Unterstützung.

Seit Wochen hält eine kleine, aber kampfeswillige Gruppe ihre Kirche besetzt. Hintergrund ist der Verkauf des Gebäudes an die jüdische Kultusgemeinde, die die Kirche in eine Synagoge verwandeln möchte, was von der Evangelischen Kirche unterstützt wird. Gegen die jüdische Kultusgemeinde als Solches ist der Protest nicht gerichtet. "Wir haben überhaupt nichts gegen Juden", hält Gemeindemitglied Claus Grünhoff dagegen. "Wir würden gerne unser Gemeindehaus teilen und schlagen ein benachbartes Baugrundstück für eine neue Synagoge vor."

Die Gründe sind einfach: Der Umzug der Gemeinde kostet zu viel, zudem waren in der NW den Aussagen einiger älterer Gemeindemitglieder zu entnehmen, dass der von ihnen geliebte Gang zur Kirche durch den Umzug um ein Vielfaches erschwert würde. Desweiteren wird ua. beklagt, "dass der gesamte Entscheidungsfindungsprozess ohne Transparenz, ohne den Versuch eines gemeinsamen Weges, undemokratisch und unchristlich gelaufen ist, dass die Hirten nicht ihrer Pflicht nachkommen, die Gemeindeglieder im Glauben zu stärken, sondern sie im Gegenteil vor den Kopf stoßen und dass dass mit dem Ende des gottesdienstlichen Lebens dem Paul-Gerhardt-Bezirk das Herzstück aller gemeindlichen Arbeit genommen wird." Wie bereits erwähnt, bin ich kein Kirchenmensch, aber das sind alles Gründe, die ich vom menschlichen Aspekt her absolut nachvollziehen kann.

Eine Einigung ist nicht in Sicht. Die evangelische Kirche aber lässt sich dieses Verhalten nicht bieten, und hat neben einer Anzeige auch weitere Repressalien nicht nur angedroht, sondern auch schon umgesetzt, wie das Blog der Besetzer der Paul-Gerhardt-Kirche dokumentiert:

Der Präses Alfred Buß Bielefeld spricht mit der Justizministerin des Landes NRW – statt mit uns – um Druck auf einen aktiven Richter auszuüben. Das Gleiche geschieht über die lippische Landeskirche, um einen pensionierten Pfarrer einzuschüchtern.

Die Superintendentin Regine Burg Bielefeld fordert Demokratie ein und lässt nicht demokratisch legitimierte Personen wichtige Entscheidungen fällen.

Der Seelsorger der Gemeinde Alfred Menzel schließt die Toiletten zu.

Der Seelsorger stellt Strafantrag gegen seine Gemeindeglieder.

Die Seelsorger verängstigen Gemeindeglieder, welche die „private“ Kirche besuchen wollen, mit „Rechtsbruch“.

Am 5.4.07 überbrachte ein Lokalpolitiker eine Spende über 50 € von einem älteren Gemeindeglied. Sie hatte Bedenken es selbst zu überbringen, da sie Repressalien seitens der Seelsorger fürchtet.


Die Superintendentin nimmt im Gegensatz hier Stellung.

Wie gesagt, meine Sympathien gelten den Besetzern. Natürlich ist das Ganze illegal, aber in diesen konformistischen Zeiten ist es eine Wonne, dass es noch Menschen mit Idealen und Zivilcourage gibt, die bereit sind, auf friedlichem Wege ihre Ziele durchzusetzen. Das sparrenblog wünscht alles Gute! Mach et, Mahatma! Oder, um es mit Rio zu halten:

"Wir schreien's laut,
Ihr kriegt uns hier nicht raus,
Das ist unser Haus!"

Trackback URL:
http://sparrenblog.twoday.net/stories/3569734/modTrackback

Klaus (anonym) - 13. Apr, 07:46

Klasse, weiter so! Ich wünsche den Besetzern auch viel Glück. Andere Frage: Hätten sie die Besetzung nicht auch auf legalem Wege in Form von Kirchenasyl (bzw. Missbrauch des Kirchenasyls) bewerkstelligen können? Dann hätte man sie auch gar nicht entfernen können, oder?

Jan (anonym) - 13. Apr, 08:38

Denkfehler!

Kirchenasyl wird gewährt. Und der Staat darf, so weit ich weiß, auch zu jeder Zeit eingreifen. War früher anders, heutzutage wird Kirchenasyl in Deutschland zwar respektiert und geduldet, aber nicht unbedingt anerkannt.

In der Zeitung stand heute nichts Aktuelles zum Fall, was ist denn jetzt da der Sachstand? Wird die Kirche geräumt?
Johannes (anonym) - 11. Jul, 13:45

... bei dem, was da vorgefallen ist, muß ein Blinder mit nem Krückstock sehen können, was aus der Kirche geworden ist:
Ein machtgeiler Verein.
Die Paul-Gerhardt-Gemeinde verdient Respekt, Pastor Menzel darf nur eigentlich nur Kopfschütteln ernten!
Zur Kirche:
Die Stattskirche ist ein geldgieriger Verein, das zeigt der Konflikt doch auch, der kleine Säuglinge mit Wasser beträufelt und sich damit zukünftige Kirchensteuerzahler heranzüchtet, die dann - bei Vereinsaustritt - noch ne Austrittsgebühr von ca. 30,00 zahlen dürfen ...
Leute, tretet aus, spätestens jetzt, wo klar geworden ist, das mit Idealen, mit Mut und Einsatz und vor allem mit dem Evangelium in der Landeskirche nix mehr zu machen ist.
Das ist zumindest mein Fazit, bin draußen. Und Tschüß, wieder weniger Geld ins Säckel des Landeskirchenamtes
Jan (anonym) - 13. Apr, 21:17

Ts. Repressalien? Das ist das Hausrecht der Kirche!

Mit Rio hat das nix zu tun (anonym) - 28. Apr, 00:08

Nun ja, nicht alles was sich Besetzung schimpft, ist auch unterstützenswert, liebe Sparrenblogger. Wenn man sich diese WDR-Vorankündigung hier mal so anschaut, könnte es auch sein, dass zumindest ein Teil der Besetzer einfach keinen Bock auf Juden inner Kirche hat, um es mal salopp zu sagen:
http://www.wdr.de/tv/cosmotv/sendungsbeitraege/2007/0429/01_nur_nicht_juden.jsp

Da ich die Sendung bisher immer sehr geschätzt habe, glaube ich kaum, dass die jetzt einfach mal Mist erzählen werden. Außerdem gibt es diverse Aussagen von Kirchenleuten, dass die Probleme erst anfingen, als klar wurde, dass die jüdische Gemeinde das Gebäude kaufen will.

Weiterhin gebe ich mal zu bedenken, dass diese Besetzer in Ihrer Petition ganz schönen Stuss reden:
"dass ein kirchliches Gebäude an so wichtiger exponierter Stelle im Stadtbild Bielefelds leer stehen wird"

Leer stehen? Nein, sie wird nicht leer stehen, sondern sie wird Platz bieten für die in die tausende gehenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde, deren derzeitige Räumlichkeiten aus allen Nähten platzen. Die Paul-Gerhart-Gemeinde hatte zuletzt (laut Kirchenkreis Bielefeld) dagegen gerade noch 1500 Mitglieder.

Alles, nur keine Juden? Die Frage stellt sich tatsächlich, da solltet Ihr vielleicht mal ein bisschen genauer hingucken...

rüdiger (anonym) - 26. Aug, 10:42

Die Juden Gemeinde hat nur 300 Mitglieder. Die PG Gemeinde 1500. Wer wird hier vertrieben?
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