Donnerstag, 12. April 2007

Wir sind die Roboter


Eine kurze Zeit lang haben wir nur wenig vernommen von den Entwicklungen hinsichtlich des Fortbestehens oder Abschaffens der Abteilung für Kunst und Musik an der Uni Bielefeld. Nun hat sich das Rektorat zu Wort gemeldet und verlautbaren lassen, dass es über zwei Alternativen nachdenke:
Entweder eine abgespeckte Version des Studiengangs oder dessen komplette Abschaffung soll durchgesetzt werden, vorbehaltlich einer Entscheidung der sogenannten Baumert-Kommission.

Damit hat – wie buntundlaut.de bemerkt – das Rektorat erstmals klar deutlich gemacht, was es will, nämlich keine Kunst und Musik-Abteilung. Dieses Vorhaben kann man als signifikant in vielerlei Hinsicht betrachten, gerade weil die Uni doch in der letzten Woche noch in der örtlichen Presse tönte, es solle aufgrund zu erwartender höherer Einnahmen an der Langen Lage neue Räumlichkeiten für mehr Seminare gebaut und neue Stellen geschaffen werden. Und „Timmermann hat ausgerechnet, dass allein in diesem Semester mehr als 6.500 neue Bücher angeschafft werden können.“ So stand es dort zu lesen und ich halte die Vorstellung, wie unser Uni-Rektor an seinem Schreibtisch sitzt und, mit Bleistift und Papier bewaffnet, sich die Zahlen höchstpersönlich zurechtrechnet, beinahe niedlich, wenn ich nicht befürchten würde, dass diese Neuanschaffungen nur in bestimmten Fakultäten landeten.

Aus der Bildungs- ist längst eine Wirtschaftspolitik geworden

Merkwürdig muten diese neuen, positiven Meldungen an, kursieren doch allerorten Gerüchte über geringere Anmeldungen bei den Studentenzahlen. Und dennoch benötigt man plötzlich mehr Platz. Ermöglicht würden diese neuen Investitionen durch die zu erwartenden, höheren Einnahmen dank der Studiengebühren, die sich bekanntlich nicht alle leisten können. Der Hinweis auf „sozial verträgliche“ Darlehenssysteme für die finanziell Überforderten ist ein Schlag ins Gesicht derer, die nicht unbedingt auf Jura und BWL setzen und mir schwant seit Geraumem, dass sich dahinter eine deutliche Tendenz zur Erhaltung des Status Quo verbirgt. Papa und Mama Geld sorgen dafür, dass die Moneten bei ihren eigenen Genen bleiben.

Was soll das Gerede von „Intelligenz durch Kreativität“, PISA, der hohe Stellenwert der deutschen Sprache, wenn eben genau diese Bereiche weiterhin stiefmütterlich behandelt werden? Bei Günter Jauch darf gute Bildung honoriert werden, doch die bereits genannte Baumert-Kommission entwickelt „ein neues Modell für eine zeitgemäße, praxisorientierte und international wettbewerbsfähige Lehrerausbildung“. Großinnovator Pinkwart sei Dank! Der Tag rückt näher, an dem sich unser Rektor öffentlich freuen „darf“, dass in den Räumlichkeiten der ehemaligen Abteilung für Kunst und Musik Platz geschaffen wurde für die Herausforderungen der Zukunft: Denn wir brauchen ja dringend mehr Juristen!

Heike Schmoll bringt in der F.A.Z. vom 21.03.07 ("Verbotswettbewerb") die Funktionsweisen der neuen Uni-Gesetze auf den Punkt: "Die Verantwortung demokratisch legitimierter Gremien, die eine parlamentarische Kontrollfunktion ausüben könnten, wird auf externe Gremien und Räte verlagert, die eher der Marktwirtschaft als der freien Wissenschaft verpflichtet sind. Privatpersonen, Lobbyisten und Interessenvertreter fällen nun grundlegende Entscheidungen über die Universität, die damit Zug um Zug entstaatlicht wird."
Aber Herr Timmermann bekennt sich nicht öffentlich zu den eigentlichen Entscheidungsgründen.

Unterdessen vergibt man (z.B. an der LiLi) munter Lehraufträge, mit denen qualifizierte Kräfte für 300 Euro pro Semester den Studenten Wissen vermitteln sollen (die neuen Stellen!!!). Für diesen Hungerlohn gehen sie selbstverständlich hochmotiviert an ihre Aufgabe, pendeln dafür auch gerne in andere Universitätsstädte. Man will schließlich in Kollegenkreisen nicht als faul gelten.

Aber auch das hat System: "Unter dem wunderbaren Alibi von Elite und Exzellenz auf Zeit lassen sich unliebsame Forschungszweige und Fakultäten aushungern, von der internen Finanzzuweisung abschneiden, um sie dann wegen mangelnder Leistungsfähigkeit zu schließen," so die F.A.Z.

Gejauch(z)t wird nebenbei über die Bestrebungen der Firma Honda, an der Uni einen Forschungspark einzurichten. Kybernetik und Robotik soll dort den Schwerpunkt bilden. Sozial-, Geistes- und Kunstwissenschaften: Alles lästig. Wir sind keine Päpste, wir legen Kraftwerk auf: „Wir sind die Roboter“

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Hokey (Gast) - 12. Apr, 11:13

Danke

Danke für diesen Beitrag! Eine Frage hätte ich aber noch: 300€ pro Semester!? Du meinst pro Monat, oder?

S. (Gast) - 12. Apr, 12:01

S.

Nein, tatsächlich 300 € pro Semester oder anders: 20 € pro Std. (wurde mir erst gestern ausführlich von dem Verfasser dieses Textes erläutert ;-))
Hokey (Gast) - 12. Apr, 12:30

Das ist krass! Gibt es dazu offizielle oder anderweitig weitere Infos?
Rouven - 12. Apr, 13:01

Kurzer Zwischenruf: Es sind so rund 300,-- Euro pro Semester als Lehrkraft. Andere Unis handhaben das anders mit Stundenlöhnen wie die genannten 20 Euro pro Lehrstunde. Wohlgemerkt Lehrstunde.
Hausarbeiten kontrollieren und Anfahrtskosten gehen dabei meistens auf eigene Kappe.
Spule4 (Gast) - 12. Apr, 12:16

KRAFTWERK

immer wieder ein Genuss!

fym (Gast) - 12. Apr, 12:35

Balsam für die Seele, solche Beiträge. Danke dafür :) Obwohl man nach solchen nur umso lauter seufzen möchte.

Erinnert mich wieder an den "Pearls Before Breakfast"-Artikel der Washington Post letztens. Zielgerichteter Fortschritt, bei dem das eigentlich Wichtige auf der Strecke bleibt. Na denn, Prost.

fym (Gast) - 12. Apr, 12:36

Balsam für die Seele, solche Beiträge. Danke dafür :) Obwohl man nach solchen nur umso lauter seufzen möchte.

Erinnert mich wieder an den "Pearls Before Breakfast"-Artikel der Washington Post letztens. Zielgerichteter Fortschritt, bei dem das eigentlich Wichtige auf der Strecke bleibt. Na denn, Prost.

Jan (Gast) - 12. Apr, 17:28

wie wahr!

sehr schön!

übrigens hat herr timmermann in einem gespräch mit unseren fachsprechern das wort 'abgespeckt' in bezug auf einen eventuellen erhalt des studiengangs kunst und musik gar selbst verwendet. genauer wollte er da nicht drauf eingehen, aber man fragt sich, wo in dieser abteilung überhaupt noch gekürzt werden soll, wo wir als nebenfach schon auf niedrigster flamme kochen?

da fragt man sich erneut, wo die 500 Euro wohl hinwandern, von einer "verbesserung von lehre und studienbedingungen" (o-ton rektorat) kann jedenfalls nicht die rede sein!

mischa_verollet (Gast) - 13. Apr, 05:53

Und wenn ich das richtig in Erinnerung habe, wird ja auch weiterhin Kopiergeld erhoben... ich frage mich ernsthaft: WOFÜR zahlt ihr Studiengebühren... ach ja, für Bäume, oder? ;)
westernworld (Gast) - 12. Apr, 19:25

willkommen in der repräsentativen demokratie repräsentativen plutokratie.

ich weiß auch nicht warum mir dazu die zerbombte brücke in bagdad einfällt, muß wohl eine zufällige assoziation sein.