Samstag, 27. Januar 2007

Slamgiganten im Duell


Sie sind ein Spektakel für Zuschauer wie Teilnehmende: Die so genannten Städteslams, bei denen Dichter zweier Städte im Teamduell gegeneinander antreten. Am Donnerstag fand das erste Duell zwischen Paderborn und Bielefeld in der Paderstadt - genau, statt. Da ich selbst für das Bielefelder Team im Einsatz war, bat ich unsere Stadtblog-Kollegin von langeleine.de aus Hannover, einen Bericht für das sparrenblog zu schreiben. Hier der Gastbericht von Kathrin Tegtmeier!



Die pickepackevolle tuba in Paderborn (Fotos: Ralf Glasmeier)

2 Teams bestehend aus 10 Literaten, 12 Geschichten und 7 Minuten Zeit, in denen jeder Poet nur ein Ziel vor Augen hat: Das Publikum mit seinem Text für sich einzunehmen, um am Ende mit der ganzen Truppe aus dem Poetry-Slam-Städtewettkampf als Sieger hervor zu gehen. Was Städte-Duelle betrifft, ist Bielefeld alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. In Hannover, Osnabrück sowie in der Heimat stand das Team bereits auf der Bühne. Mindestens genauso lange träumen die Jungs von dem ersten Sieg, denn obwohl jeder einzelne eine Klasse für sich ist, hat es im Kollektiv noch nie ganz ausgereicht, um den Städte-Titel für sich zu entscheiden. Genau das sollte sich in Paderborn ändern. Zumindest hatten sich das Markus Freise, der Glasiator, Micha-El Goehre, Marc Schuster und Mischael-Sarim Vérollet ganz fest vorgenommen, als sie sich auf den Weg machten. Ihre Herausforderer Rüdiger Meyer, Martin Richter, Stani, Karsten Strack und Sulaiman erwarteten sie bereits sehnsüchtig. Doch auch für sie galt: Nicht schwächeln und vor allem, es denen im Vorfeld leicht favorisierten Bielefeldern nicht zu einfach machen. Aber ist es auswärts nicht automatisch schwerer, den Sieg davonzutragen? „Nein“, sagt Micha-El. „Im Gegenteil, das spornt an. Und ich hoffe, dass wir gewinnen. Es wird endlich mal Zeit!“ Sein Wort in des Poetengottes Ohr...



Vergab einen Punkt: Micha-El Goehre für Bielefeld

Die Tuba platzt mit rund 120 Besuchern beinah aus allen Nähten. Neben den Paderbornern haben sich auch Bielefelder auf den Fanblöcken eingefunden. Die Stimmung ist ausgelassen und die Dichter können es kaum erwarten, endlich loszulegen. Doch zunächst müssen die Moderatoren und Schiedsrichter Andreas Weber und Katharina, die extra für das Spektakel aus Münster – sehr löblich – angereist waren, dass Procedere erklären. Ordnung muss sein! Ein Paderborner und ein Bielefelder lesen gegeneinander. Das Publikum entscheidet, welcher Text, welche Performance den Punkt verdient hat. Am Ende gibt es noch einen Team-Text. Die erste Paarung lautet Stani gegen Marc, der als erster auf die Bühne muss, weil der Gast anfängt. Damit Marc nicht wirklich als erster lesen muss, schafft Andreas Weber Abhilfe in Form des so genannten „Sacrifice-Poems“, indem er über seine Erlebnisse berichtet, die er bei Bier und Zigaretten im Hinterzimmer einer Autorengruppe gemacht hat.

Die Duelle

Runde 1: Marc vs. Stani oder die wunderschöne Welt der Tiere

Marc liest Katze im Telegrammstil. Kann Publikum schnell für sich gewinnen. Katze wird lockerer und dann krank. Will zum Papst in den Vatikan. Erlebt viele wundersame Dinge auf dem Weg dorthin. Katze kommt irgendwann an, wird gesund und erhält obendrein des Papstes Segen. Stani erzählt über eine historische Begebenheit, den Brauch der 3-Hasen-Tracht, die anno 1707 das letzte Mal statt fand und die aus gestreiften Hasen, gestreifte Ostereier machte. Außerdem gibt es lyrische Wortspiele über Rehe. Dennoch 1:0 für Katze.



Das Publikum feierte beide Lager ausgelassen

Runde 2: Sulaiman vs. Glasiator oder „Wenn ich was zu sagen hätt‘...“ im Postpaketetrubel

Sulaiman erzählt mit einem Augenzwinkern über absurde, aber nicht immer unvernünftige Dinge, die er tun würde, wenn er etwas zu sagen hätte: Deutschland nach Italien verlegen, als Rache für die WM und für Frings und Italien in den Kongo schicken, Spielplätze nur für Erwachsene freigeben und Dr. Snuggles zum Innenminister degradieren. Damit hatte er das Herz nicht nur des Paderborner sondern auch das des Bielefelder Fanblocks erobert. Die Geschichten und Wortspiele des Glasiators dagegen, gehen in der noch anhaltenden Euphorie leicht unter – es entsteht der Eindruck, dass die Pointen nicht immer verstanden werden. Ausgleich!

Runde 3: Mischa vs. Rüdiger oder wie der Protagonist mit Slayer zum Mann wird

Der Protagonist in Mischas Geschichte möchte vom „Hänfling“ zum echten Mann mutieren. Und zwar mit der Hilfe eines Albums von Slayer, seines Zeichens der härtesten Heavy-Metal Band der Welt. Dabei erlebt er skurrile Dinge und entdeckt (dunkle) Seiten, die er bislang so an sich gar nicht gekannt hat. Wie es ausgeht erfahren wir leider nicht, weil der normalerweise 5-Minuten-30 lange Text nicht in die sieben Minuten passt. Ja, manchmal kann es auch ein Nachteil sein, wenn die Zuschauer den Poeten ständig durch Lachen unterbrechen. Dennoch befanden die Zuhörer den „halben“ Text besser als Rüdigers „Making of“ einer Barbara-Salesch-Folge. Bielefeld geht mit 2:1 in die Pause.

Runde 4: Markus vs. Martin oder der Kampf der Teewurst im Schwimmbad

Doch nach der Pause, wer weiß, vielleicht hat Jürgen Klinsmann ein Machtwort gesprochen, läuft Paderborn zur Höchstform auf. Martin Richter gleicht mit seinen Erlebnissen im Schwimmbad gegen Markus zum 2:2 aus, der seinen Wortpalast-Hausaufgaben Text mit den Stichworten Teewurst, Rod Stewart und Landeshauptstadt performte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei hat das Publikum gelernt, dass man auch als Kurzsichtiger unter Wasser weit gucken kann und was man als Dichter nicht alles auf sich nimmt, um eine Schreibblockade in die Dornenhecke zu jagen.

Runde 5: Karsten vs. Micha-El oder Dichter sind nett und Senfgläser sowieso

Das Publikum hört begeistert zu und quittiert gelungene Pointen mit einem Lachen oder Jubelschreien. Es ist bereit für ein fulminantes Finale. „Karsten du gehörst mir“, ist von Herrn Goehre zu hören und Karsten kontert mit einem „ich wird dich wegblasen!“ – das ist der Charme, den ein Städt-Slam versprüht. Die Teams sind untereinander befreundet, man kennt sich und so kann man ohne schlechtes Gewissen auch mal den einen oder anderen derben Spruch loslassen, ohne damit zu rechnen, dass die Gegenpartei einem gleich das Script über die Rübe zieht. Karstens Text ist just in der Nacht vor der Veranstaltung fertig geworden. In ihm wagt er einen Blick in die Zukunft. Er erzählt seinem 16-jährigen Patenkind Lisa wehmütig von einem großartigen Slam, der im Januar 2007 in Paderborn stattfand. Ganz nebenbei macht er ihr auch noch deutlich, dass es sich immer eher lohnt, dass Herz an einen netten Dichter zu verlieren, denn die sind etwas besonderes, als an einen gutaussehenden Heini. Micha-El kontert mit einem gewohnt lautstarken Text über Bier und Senfgläser, die die Welt erobern. Dennoch steht es am Ende 2:3 für Paderborn. Bielefeld kann bestenfalls mit dem Team-Text noch ein Unentschieden herausholen.

Die Dichter aus der Domstadt, dieses Mal ohne Stani, sinnieren über all die Dinge, die ihnen Angst machen. Darunter ist unter anderem auch, dass sie gegen eine Stadt antreten, die es in Wirklichkeit doch gar nicht gibt. Damit hatten sie das Publikum endgültig für sich beschlagnahmt, doch auch Mischa als Erzähler und Marc als Katze machten - bereits leicht angeschickert, im Anschluss erfuhr man, dass die Poeten Bier im Wert von 300 Euro durchgebracht hatten - deutlich, dass sie nicht umsonst diverse Einzel-Slams gewonnen haben und zusammen ihrem Namen als ostwestfälisches Gefühlskombinat alle Ehre machen.



Marc und Mischa beim, äh, Teamtext

Am Ende steht 2:4 für Paderborn und um genau 22h40 ist der Traum für Bielefeld vom ersten Städte-Sieg erneut geplatzt. Dennoch nehmen es die Verlierer sportlich, steht doch zu allererst der Spaß an der Freud im Vordergrund, der ihnen auf der Bühne auch immer anzumerken ist. „Dies war ein Auswärtsspiel, dennoch ist Paderborn ein geiles Fleckchen Erde. Ihr habt verdient gewonnen!“, sagt Mischa. Worauf Karsten antwortet: „Der Heimvorteil war unser!“

Und vermutlich wird auf das Auswärtsspiel recht bald die Revanche in den eigenen heiligen Hallen folgen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – wir sind gespannt!

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