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Dienstag, 23. Januar 2007

Pölter, Plörre und Pinöckel


Rubrik: "Ich mach's mir einfach, Markus!"

Zur Zeit bin ich Teilnehmer eines germanistischen Kolloqiums an der Uni Bielefeld. Dort artete gestern der Vortrag einer Kommilitonin in eine mehr als ausgelassene Runde aus. Das Thema ihrer geplanten Dissertation beinhaltet u.a. Interferenzen zwischen dem Standarddeutschen und dem Westfälischen, speziell bei Menschen, die nicht aus Westfalen stammen, hier aber ihre neue Heimat gefunden haben.

Schnell holte die Runde - unter ihnen 3/4 Westfalen - Begriffe hervor, die in Wortlisten nicht fehlen dürfen, um diese bei einer Untersuchung abzufragen. In der Folge kam nicht nur der berühmte "Pömpel" zum Zuge, auch der eher unbekannte "Griebsch" (Kerngehäuse des Apfels) wurde genannt.
Die "Buxe" durfte auch nicht fehlen, ebensowenig wie der "Pölter" (Schlafanzug).
Aber auch im Bereich der Verben wurden wir schnell fündig: Wer "ramentert" und "wullackert" nicht gerne, "dölmert" und "lürt" etwas mit Bindfäden zurecht?

Je länger man darüber nachdenkt, um so fündiger wird man im Westfälischen, auch, wenn man immer behauptet, der Unterschied zum Standard wäre nur im Lautlichen ("Kiache" *gähn*) zu finden. Wiglaf Droste wusste davon auch bereits zu berichten.
Beim gestrigen Termin "kalberten" wir dann umso länger herum und sogar der Herr Prof. hatte sichtlich seinen Spaß. So gerieten wir mit der Sammlung immer schneller in die "Puschen".

Wir stellten dann auch schnell fest, dass offenbar noch niemand konsequent eine Art westfälisches Wörterbuch in den Druck gebracht hat. Bedauerlich.
Eine laienlinguistische Zusammenstellung von typischen Begriffen existiert offenbar für den Gütersloher Bereich. Diese könnte aber mit Sicherheit auch in Bielefeld Anwendung finden.

Wir finden doch hier bestimmt noch mehr, oder?

Uli (Gast) - 24. Jan, 07:26

Super, da wäre ich gern dabei gewesen... Wäre das nicht was für diese Bielewikipedia oder so??

Rouven - 24. Jan, 09:46

Hmm, keine schlechte Idee. Da muss ich mal den Initiator kontaktieren, was der dazu meint.

EDIT 11:02 UHR: Hartmut gibt uns übrigens das O.K. und meint, er wäre auch schon einmal drauf und dran gewesen, einen Artikel für den "Pömpel" anzulegen. Dann haut mal in die Tasten ;-)

Hier noch einmal der Link dorthin
hen (Gast) - 24. Jan, 11:47

Pömpel eingetragen

ab sofort kann man meine Pömpeldefinition bei bielepedia editieren.
hen (Gast) - 24. Jan, 09:29

Meine Oma meinte früher immer, ich solle nicht "übern Acker packern". Aber das ist vermutlich lippisch - NICHT westfälisch.
Und ist es nicht so dass man eher wulackt als wulackERt? Ich zumindest habe noch nie gewulackert, wohl aber ne Menge im Garten gewulackt.

Rouven - 24. Jan, 09:36

Stimmt, Wiglaf schreibt es im Präteritum auch "wulackten". Ich meine aber, ich hätte es auch anders schon einmal gehört. Liegt vielleicht daran, dass ich schließlich auch ursprünglich ein Lipper bin.
Naja, eine präskriptive Regel existiert dafür eben nicht.
ben_ (Gast) - 24. Jan, 10:43

Ich kenn wen, der kennt wen

Nur weil ich's gesagt haben wollte: der Autor von Pölter, Plörre und Pinöckel ist eine guter Freund von mir.

Hütter (Gast) - 24. Jan, 11:47

Leider muss ich den versammelten Westfalen mitteilen, dass ich bereits als kleines Kind im Südniedersächsischen rumdölmerte und ab und zu wohl auch "rumkalberte", wie es die Altvorderen bezeichneten.
In die Puschen bin ich dort auch schon gekommen.

Merke: Nicht alles ist so lokal, wie es gesprochen wird.
Hütter (Gast) - 24. Jan, 11:52

Nachgelegt

Ach ja:

Und "mit Wasser plörren" bezeichnete dort das Rumspritzen und Spielen mit Wasser (zum Beispiel Im Waschbecken).
Rouven - 24. Jan, 12:07

@Hütter: Ist ja nicht weiter tragisch und dient dem Erkenntnisgewinn. Immerhin bewegen wir uns regional mit den von Dir genannten Begriffen noch im Niederdeutschen Sprachraum (siehe Karte der Mundarten) und Interferenzen zwischen dem West- und Ostfälischen sind dort beinahe schon zu erwarten.
hen (Gast) - 24. Jan, 12:38

zurück nachgelegt

auch @ Hütter: Der Südniedersachse mag mit Wasser plörren, unsereins plürt damit.
Wohingegen die Plörre eine aus nicht näher bezeichneten Gründen eklige Flüssigkeit ist (z.B. Brackwasser, kalter Kaffee, Kölsch).
Gnadenkasper (Gast) - 24. Jan, 14:00

Als Plörre bezeichne ich zu dünnen Kaffee.
hen (Gast) - 24. Jan, 14:36

@ Gnadenkasper: Ja genau, eklige Flüssigkeiten halt...
nrq (Gast) - 24. Jan, 10:48

Pömpel: westfälisch entweder für Leitpfosten oder Begrenzungspfähle im Straßenverkehr, siehe Poller.

Für alle die, wie ich, beim lesen auf die Saugglocke getippt haben.

Was mir gerade einfällt ist das Wort "Botten" für Kinder. Das habe ich zumindest bisher nur hier in Bielefeld gehört. Andererseits kenne ich auch nur eine Person, die das wirklich in einer konversation so verwendet hat. Und anderswo wird es als bezeichnung für große, klobige Schuhe gebraucht.

hen (Gast) - 24. Jan, 11:30

neenee, "botten" für "blagen" stimmt schon. und was komische internetseiten in anderen weltgegenden darunter verstehen ist doch dem westfalen egal!
aber die wiki-definition von pömpel ist viel zu eng. potenziell kann jedes im weitesten sinne phallusförmige und mehr oder weniger fest mit der umgebung verbundene objekt ein pömpel sein: eine juckende hauterhebung ebenso wie rot-weisse pylonen, verkehrsberuhigungsutensilien oder baumstümpfe. saugglocke geht übrigens auch - das ist halt der "klopömpel"!

so ist jedenfalls meine persönliche verwendungsweise, die selbstverständlich nicht maßgebend für westfalen sein muss weil ich ja eben gebürtiger lipper bin...;)
Lampe (Gast) - 24. Jan, 14:12

Pömpel nochmal!

Also. Ich der ich aus nem 200 Seelen-Dorf wech bin, das fälschlicher Weise irgendwie in Oeynhausen eingemeindet wurde, hab von klein auf von Omma (ja mit zwei M!) was vom Platt bzw. Westfälischen mit bekommen.

Pömpel ist etwas nicht natürliches und definitiv größer als ein Pinöckel. Ein Pinickel kann mit zwei fingern bewegt werden. Wenn zwei Finger nicht mehr reichen, dann ist es ein Pömpel. Wenn es ein Pinöckel ist, der was mit Hauterkrankungen zu tun hat und beim anfassen mit zwei fingern weh tut, dann nennt man das Fiesemöpp. Nen Fiesemöpp kann auch ein gemeiner Mensch sein.

Und "Spölkern" bezieht sich eigentlich nur auf Wasser. Wenn man am Herd mit Suppe etc. rumsaut, dann bezeichnet man das als "Pötchern".

hen (Gast) - 24. Jan, 14:35

Das mit den zwei Fingern scheint mir ein wirklich gutes Kriterium zu sein um Pömpel von Pinöckel abzusetzen, aber ich bleibe dabei dass es auch Pömpel natürlichen Ursprungs gibt.

Was du unter pötchern kennst, kenne ich übrigens unter pütchern. Wenn man dann noch plörren und plüren dazunimmt, drängt sich der Verdacht auf, dass das Lippische ganz generell eher den etwas längeren U-Umlauten zugetan ist als das eher zum offeneren und kürzeren O-Umlaut tendierende Westfälische.

Ich stelle das jetzt mal einfach so als sprachliche Hypothese in den von Linguisten bevölkerten Raum und harre weiterer Erkenntnisse.
Gnadenkasper (Gast) - 24. Jan, 14:57

Baumstümpfe können keine Pömpel sein.
Ein Pömpel ist künstlich, hingestellt, aufgesetzt, eingelassen, stets senkrecht, nicht quer.

Jetzt nich' bedröppelt kucken, das is' nu' ma' so.
mischa_verollet - 25. Jan, 07:06

Geil, die Diskussion :) Aber in meinen Augen ist der ostwestfälische Dialekt, der zum Teil in den Pottslang rutscht, auch nicht zu unterschätzen. Das betonte und gedähnte I, zum Beispiel. Muss auch erwähnt werden.
Rouven - 25. Jan, 11:15

@Mischa: Also, das musst Du mir mal jetzt mit 'nem Beispiel erläutern.
hen (Gast) - 25. Jan, 14:01

@Mischa: Ja, mir bitte auch ein Beispiel dafür.
bateman - 25. Jan, 14:11

"Wo kommst Du denn weg?"
Es gibt auch ein Buch über Bielefelder Sprachgebrauch, weiss leider weder Titel noch Herausgeber.

TriIIian (Gast) - 13. Mrz, 11:21

Da fällt man ssich ja über!

Als Kind - wir wohnten damals in Gütersloh - habe ich meinem Vater mal ein Buch geschenkt, das hieß:
"Da fällt man ssich ja über!"( Autorin: Margret Gromann
Untertitel: Bielefelder Sprachlehre).
Es gab auch noch einen zweiten Band: " Da musste dich nix bei denken!".
TriIIian (Gast) - 13. Mrz, 11:26

Nachtrag

Im Verzeichnis antiquarischer Bücher gibt es die Bücher übrigens für überschaubares Geld... (bei ZVAB nach der Autorin suchen).

TriIIian
TriIIian (Gast) - 13. Mrz, 11:29

Korrektur

Der Link sollte natürlich so lauten:
toktoktok - 17. Feb, 22:47

Das Buch...

...gibt es. Und es steht sogar in der Bib. Da hab ich es jedenfalls vor Jahren durch Zufall entdeckt. Sind auch all die schönen Wörter drin, die oben schon gelistet wurden. :-)
...und bei einem Bütterken doch immer wieder schön zu lesen! ;-)

julia (Gast) - 5. Mrz, 19:02

da wird mir ganz warm ums herz wenn ich das lese
julia (Gast) - 5. Mrz, 19:03

nicht zu vergessen : schlickern!