Zwischen Serge Duval und Mumu Arabesk


Am heutigen Mittwoch, um 20 Uhr, gibt Bielefelds beliebtester und bärtigster Hobbyschreiber eine Lesung in der Studiengalerie der Kunsthalle. Im Rahmen der Ausstellung "3ZimmerKüche Bad" von Christine Gernsheimer und Vera Brüggemann kommt auch Sacha Brohm für einen Abend zu Wort. Grund genug, ihn einmal in unserer Rubrik "Zehn Fragen" zu verhören.

1. Hallo Sacha! Warum eigentlich „Sacha“? Ich mein’, ich weiß ja, dass Du korrekt „Sascha“ heißt, aber bei diesem Künstlernamen denken doch alle: „Hey, ist das nicht ein Druckfehler?“

Da muss ich dich leider gleich bei der ersten Frage zurechtweisen und fragen, woher du die Information über meinen Namen hernimmst. Sacha ist tatsächlich die richtige Schreibweise. So steht es im Pass, in der Geburtsurkunde und in den Medien. Es gibt einige sehr bekannte Persönlichkeiten, die so geschrieben werden: Sacha Distel, Sacha Guitry und der Held aller Leute mit verrücktem Humor: Sacha Baron Cohen, dem Borat-Darsteller. Für einen Künstlernamen bin ich allerdings nicht der Richtige. Und Sacha Brohm als Künstlername? Da hoffe ich aber doch, dass mir was Originelleres einfallen würde. Ich schwanke zwischen Serge Duval und Mumu Arabesk. Bitte sei bei den nächsten Fragen nicht ganz so vorschnell.

2. Brrrr, Rouven, zügel dich. O.K., Du bist - oder warst - ja ein Bestandteil der Lesereihe „Zirkeltraining“, die ich selbst (ich gestehe es, aber das kann auch an meinem späten Zuzug nach Bielefeld liegen) leider erst kurz vor seinem Ableben kennenlernte. Zum Glück gibt’s ja noch „Sitzen73“, aber weshalb wurde das Zirkeltraining eingestampft?

Das Zirkeltraining hat ja zwei Enden. Das erste Mal hat es sich „aufgelöst“, als wir mit den monatlichen Lesungen in der Hammer Mühle aufgehört haben, die wir drei Jahre veranstaltet haben. Es wurde halt immer schwieriger monatlich neue, qualitativ gleichbleibend hochwertige Texte zu produzieren. Und weil wir zu diesem Zeitpunkt einen sehr guten Ruf hatten, bot es sich an, dass wir aufhören. Danach haben wir nur noch die großen Sachen gemacht: die Weihnachtslesungen im Kamp und die Open-Air-Lesungen auf dem Klosterplatz. In diesem Jahr wird nun tatsächlich das allerletzte Mal zusammen gelesen und zwar am 23.12.06 im Kamp. Danach ist Schluss, weil wir mittlerweile alle andere Projekte haben. Schön ist es allerdings, dass wir nach wie vor die bekannteste und beliebteste Lesebühne Bielefelds sind.

3. Deine Texte waren bislang für mich persönlich immer der Höhepunkt beider Lesereihen. Ganz ehrlich: Ich sinke in den Staub davor! Damit hättest Du zum Beispiel bei einem Slam die wahrscheinlich größten Chancen und würdest alle anderen Teilnehmer in den Sack stecken. Aber Du bist kein Freund des Slams, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Weshalb eigentlich nicht?

Ich mag den Wettbewerbsgedanken nicht, auch wenn immer betont wird, dass das alles eher so ein Spaßding und egal ist, wer gewinnt. Wozu gegeneinander antreten? Das ist mir zu jungsig. Wer ist der Beste, wer hat den längsten? Das finde ich langweilig, deshalb bin ich sehr gut in Lesebühnen aufgehoben. Da ist nicht so wichtig, wer den Längsten hat. Oder ob überhaupt einer vorhanden ist. Und unter Zeitdruck kann ich auch nicht lesen. Und ganz ehrlich: nur weil einer von 8 Teilnehmern gewinnt, heißt das ja noch lange nicht, dass der wirklich gut ist. Selbst unter 8 sehr, sehr, sehr schlechten Teilnehmern gibt es immer einen, der ein bisschen besser ist. (Der letzte Satz in der vorherigen Antwort widerspricht ein wenig der Aussage dieser Antwort. Entschuldigung. Vielleicht kommt es doch darauf an, wer den Längsten hat.)

4. Wie man Deinen – im Internet veröffentlichten – Lebensläufen entnehmen kann, studierst Du Literaturwissenschaft und Germanistik. Mal abgesehen davon, dass ich Dich dort noch nie getroffen hab’: Kommst Du als derart kreativer Kopf mit der Theorie gut zurande?

Leider komm ich damit gar nicht mehr zurecht. Ich habe mich durch diese ganzen Witzetexte rausgeschrieben. Ich gewöhne mir gerade wieder einen Schreibstil an, mit dem ich wenigstens die letzten wissenschaftlichen Texte hinbekomme.

5. Du machst ja auch Musik, nicht wahr? Ich glaub’, ich hab’ Dich sogar mal bei einem Konzert im Rahmen einer „Artists Unlimited-Party“ als Keyboarder auf der Bühne gesehen. Dein Markenzeichen, der Bart, verrät Dich schließlich meilenweit. Aber aus irgendeinem Grunde hab’ ich mich zu dem Zeitpunkt nicht so gut auf die Musik konzentrieren können. Wie kann man das denn am besten beschreiben, was Ihr da macht?

Punk Soul Loving Bill machen Elektropop, immer öfter kommt auch die Gitarre zum Einsatz. Ich schreibe hauptsächlich die Texte, sprechsinge ein wenig und spiele diverse elektronische Geräte. Im März gibt es unser neues Doppelalbum „Rock ohne Druck/ Power ohne Nachdenken“. Es ist schon recht spezielle Musik, doch wir haben mehr Fans als man denkt. In Amsterdam ganz viele beispielsweise und auch einen in New York. Der ist bestimmt ein einsamer Mensch.

6. Wie gesagt: Ich bin ein absoluter Fan Deiner Texte. Beim letzten „Sitzen73“ habe ich mir bei den Gedanken zum ABBA-Konzert oder den „10 Wege, wie man einen Hamster tötet“ den – entschuldige bitte die Ausdrucksweise – Arsch abgelacht. Aber neben den Märchenpersiflagen finde ich die fiktiven Biographien und Tagebücher besonders gut. Als ich auf der Zirkeltrainings-Seite die Karl-Marx-Biographie gelesen hatte, wurde ich davon zu einem eigenen Versuch in Richtung „Che Guevara“ inspiriert. Danach galt ich plötzlich als Kontrarevolutionär. Naja, ist schon nicht alles so einfach. Hast Du es schon einmal gewagt, die Biographie einer noch lebenden Person zu verfälschen?

Lebende Menschen langweilen mich. Außerdem reicht mir schon der Ärger, den ich bekommen habe, weil Dutzende von Internetusern nicht richtig mit dem Medium umgehen können. Es gibt tatsächlich Menschen, die meine Karl-Marx-Biographie in Schule und Studium benutzt haben, ohne darauf zu kommen, dass die falsch ist. Eine Abiturientin hat sie ihrem Leistungskurs Geschichte so vorgelesen, wie sie auf der Zirkeltraining-Homepage zu finden ist. Wenn ich jetzt eine witzige Sandra Maischberger-Biographie schreiben würde, bekäme ich sicherlich Ärger mit ihrem Anwalt. Oder von ihren bezahlten Schlägern.

7. Live habe ich schon bei mehrern Deiner Geschichten bemerkt, dass Dir ein klitzekleiner Anhaltspunkt genügt, um daraufhin ein riesengroßes Gebäude aus Gedankenkonstrukten und Wahrscheinlichkeiten aufzubauen. Das erinnert mich immer sehr an Texte von Max Goldt, der so oft als Meister der Abschweifung bezeichnet wird. Ist er zufällig ein Vorbild für Dich? Oder hast Du überhaupt welche?

Natürlich ist Max Goldt ein ganz großes Vorbild. Von diesem Stil wegzukommen ist ähnlich schwierig, wie sich einen neuen Schreibstil für die Uni anzugewöhnen. Ich glaube allerdings, dass ich in meinen Texten nicht ganz so zickig rüberkomme wie er. Ich befürchte ja, dass der auch privat schwierig ist. Auf Lesungen ist der manchmal schon ziemlich divenhaft. Wenn er von meinen Texten wüsste, würde er sicherlich die Augen verdrehen und gähnen. Ich weiß zufälligerweise, dass er meine Band total blöd findet, denn er hat mal mit Schneider TM, einem lieben Freund von uns zusammengearbeitet und der hat ihm was von uns, also von Punk Soul Loving Bill vorgespielt, denn er, also Schneider TM, findet uns ganz gut und da hat er, also Max Goldt, uns blöd gefunden, weil es das, also die Musik von Punk Soul Loving Bill, früher schon gab und nichts Neues wäre. Ich find das nicht so schlimm, allerdings fänd ich es natürlich irre, wenn Herr Goldt uns toll finden würde. Ich bin übrigens auch nicht davon überzeugt, dass alles, was man produziert, etwas Neues sein muss.

8. Nach den bisherigen Lesungen habe ich das schon ganz oft erlebt, dass die Leute über Deine Texte reden, ungefähr im Sinne von „Wieviel ist davon wohl wahr?“. Meine Freundin meinte zu mir nach Deinem assoziativen Text darüber, was man tun würde, wenn man eine Frau wäre: „Ist der wirklich schwul? Als Literaturwissenschaftler weißt Du ja auch, dass das völlig egal ist, solange es seine Wirkung nicht verfehlt. Trotzdem sind solche Fragen aus den Köpfen der Leute nicht herauszubekommen. Wie stehst Du dazu?

Wie stehe ich wozu? Dass ich schwul bin? Dazu stehe ich ganz OK. Die meisten Dinge in meinen Texten sind tatsächlich ausgedacht aber auch nicht so originell, dass die nicht auch jemand anderem einfallen würden. Meistens gehe ich so vor, dass ich einfach irgendetwas behaupte. Davon muss ich anfangs gar nicht überzeugt sein. Dann versuche ich mich im Text durch allerhand unsinnige Überlegungen selber von der These oder Behauptung zu überzeugen. Meistens klappt das. Dass ich im Laufe der Jahre immer öfter auch schwule Themen in die Texte gepackt habe, hat sich allein daraus ergeben, dass beim Zirkeltraining vier männliche Autoren über ihre aktuellen und vergangenen weiblichen Liebschaften und Fußball geschrieben haben und da dachte ich, dass es vielleicht ganz interessant wäre, wenn ich mal die schwule Nische besetze und so der Gruppe eine kleine Minderheit zuführe. Das hat auch super geklappt, wovon ich nicht ausgegangen bin. Mittlerweile wissen regelmäßige Zuhörer sehr viel über mich und was ich gut finde. Es ist natürlich auch eine ganz doofe Art, sich selber darzustellen, sich interessanter zu machen, als man ist und vielleicht auf diesem Weg jemanden kennenzulernen. Warum ist man denn sonst in einer Band, bzw. einer Lesebühne?

9. So, am Mittwoch liest Du ja einen Abend lang ganz alleine. Darauf freue ich mich schon wie ein Schneekönig. Mit einer der dort in der Kunsthalle Ausstellenden hast Du sogar noch ein anderes Projekt, nicht wahr?

Ja, mit Christine Gensheimer arbeite ich schon lange zusammen. Das funktioniert relativ einfach. Ich gebe ihr Texte, Dialoge, Bildbeschreibungen und sie illustriert das dann. Da sind, meiner Meinung nach, schon sehr gute Sachen entstanden. Wenn alles gut läuft, wird es am Mittwoch sogar ein kleines Büchlein geben, in dem einige von unseren Werken drin sind. Und das kann man dann kaufen.

10. Gibt es eigentlich irgendwann in der Zukunft auch einmal eine Veröffentlichung Deiner Texte in Buchform? Ich meine jetzt nicht innerhalb einer Anthologie, sondern womöglich in einem eigenen Sammelband, 100 % Sacha Brohm sozusagen. Ich wäre jedenfalls einer der ersten Käufer. Und würde es bestimmt auch weiterempfehlen.

Danke. Nein, ich denke nicht, dass es da mal ein Buch geben wird. Ich glaube einfach, dass diese Texte hauptsächlich davon leben, vorgelesen zu werden. Gedruckt sind sie oft mopsig und doof, weil ich gerne bestimmte Wörter betone und damit Pointen rette, die selber gelesen nicht witzig wären. Ich bin aber auch nicht so hinterher, ein Buch von mir in den Händen zu halten. Es gibt schon genug schlimme Bücher auf den Grabbeltischen, da muss nicht auch noch meins dazwischengeraten.

Wenn dem so ist, müssen wir Sacha heute ab 20 Uhr eben selbst lauschen. Tun wir ihm doch gerne den Gefallen. Bis dann.

Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro

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