Gut geklaut ist halb gelernt


Eine Plagiatsoftware soll bald an deutschen Unis kopierte Arbeiten ermitteln, erzählt man sich im Focus Campus-Magazin*. Diese Software erkennt, ob jemand auf klassische Art und Weise seine Abschlussarbeit abgeschrieben hat. Ein logischer und beliebter Kunstgriff bei Schülern wie Studenten**. Warum auch das Rad neu erfinden? Die Software (samt Uni) sieht das überraschenderweise anders. Hamburger Studenten bereiten bereits eine Klage vor, da Urheberrechtsverletzungen befürchtet werden. In Bielefeld wird es im Übrigen, wie mir Hen sagt, schon seit Längerem eingesetzt.



Ich kann mich nicht mehr hundertprozentig dran erinnern, aber ich vermute, dass es in der achten Klasse gewesen sein muss, dass ich aufgehört habe, Hausaufgaben zu machen. Also, selber machen, meine ich. Zu Hause und so. Ich sah einfach keinen Sinn darin. Natürlich war es immer ein wenig stressig, wenn man noch in der Straßenbahn und vor dem Unterricht beim extra deswegen gehätschelten Streberklassenkameraden abschreiben musste, aber mit der Zeit wurde man gelassener und erfahrener im Umgang mit solchen Stresssituationen. Auch wenn mein Verhalten nicht zur Nachahmung empfohlen ist (so'n Dislaimer muss man ja heutzutage reinhauen, sonst hat man schnell zig Klagen verbitterter Existenzen am Hals), so hat mir diese Episode meines Lebens gezeigt, dass man mit ausreichend Talent und Überlebenswillen (und nicht zu vergessen, Spucke) auch ohne viel Arbeit halbwegs erfolgreich durchs Leben kommt.

Worum es mir aber eigentlich geht: Als hausaufgabentechnischer chronischer Kleptomane wuchs man mit seiner Aufgabe, so dass bis ans Ende meiner Schullaufbahn kein Lehrer bemerkte, dass ich täglich plagiierte. Dazu gehörte freilich der eine oder andere Trick. Zum Beispiel die abgeschriebenen Hausaufgaben auch zu lesen, damit man zumindest grob wusste, worum es bei der binomischen Formel eigentlich ging. Viel wichtiger war es allerdings, beim Abschreiben den Text so zu verfremden, dass er dem eigenen Stil angepasst wurde. Sprich: Hier und da einen Fehler einbauen, den einen oder anderen Satz weglassen oder dazudichten, den Satzbau ändern oder ganze neu formulieren. Speziell in der Mathematik war das vonnöten, weil ein blinder Lehrer mit Krückstock sofort gewusst hätte, dass die Hausaufgaben auf keinen Fall vom Vérollet hätten sein können.



(Foto: www.photocase.com)

Was viele Lehrer aber einfach nicht bedenken: Wer sich so intensiv und kreativ mit fremdem Gedankengut auseinandersetzt, der macht sich diese Gedanken automatisch zu eigen. Und das ist, insbesondere was Unterrichtsinhalte angeht, doch ganz im Sinne unserer Lehrer. Auch wenn es in Mathe bei mir nie klappte. Scheinbar scheinen Heftseiten mit mehr als zwei Zahlen darauf mein Gehirn auszuschalten.

Worum es mir jetzt wiederum eigentlich geht: Wer Angst vor dieser neuen Antiplagiatsoftware hat, ist entweder blöd oder eine faule Sau. Denn kreatives Klauen sollte gerade unter Univolk Pflicht sein. Wer größere Arbeiten klaut, ohne noch mal draufzugucken, denkt ohnehin nicht weiter – wenn überhaupt – als bis zur eigenen Nasenspitze. Erstens, weil Lehrer und Professoren auch nicht mehr von gestern sind, und zweitens, weil nicht nur bei Wikipedia nicht alles bar ist, was als Münze angeboten wird. Ok, ich gebe zu, eine 798 Seiten starke Dissertation mal eben mir nichts, dir nichts in der großen Pause dem eigenen Stil anzupassen, ist eine wohl kaum zu bewältigende Herausforderung. Dennoch will Klauen gelernt sein. Gerade im Hinblick auf die anbrechende neue Epoche der Plagiatermittlung.

Ein Wort noch zu den klagenden Hamburger Studenten: Urheberrechtsverletzung am Arsch! Ihr seht doch nur eure Felle schwimmen, ihr faulen Säcke! Mein Besserwisser-Tipp: Verlasst die Party einfach eine Stunde früher und dreht stattdessen die geklaute Dissertation auf links, bis sie sich wie aus eurem Munde anhört. Und schon kann euch alle Software der Welt egal sein. Außer, vielleicht, sie heißt Agent Smith.

Fußnoten:

* Müssen die eigentlich zu allem Senf eine Zeitschrift herausbringen, die vonne Focus? Wann erscheinen wohl Focus Fußball, Focus Natursekt und Focus Atombombenprogramm?

** Ich werde mich auch weiterhin konsequent weigern, Studierende zu schreiben. Diese politisch korrekte Seuche unterstütze ich nicht. Man sacht ja auch Schüler/-in und nicht Lernende. Wir sind zu einem Volk von Bücklingen verkommen. Und irgendwann haben wir alle Hexenschuss und gucken doof. So.

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